"Der Vorleser" von Stephen Daldry

„The Reader“ nach Bernhard Schlinks Weltbestseller „Der Vorleser“ ist kein Film über die Liebe, sondern ein Film über emotionale Abhängigkeit, persönliche Schuld und ihre Folgen. Die Sommeraffäre zwischen dem 15-jährigen Schüler Michael Berg (David Kross) und der 36-jährigen Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet) mit ihrem bizarren Vorlese-Ritual beeinflusst das gesamte spätere Leben von Michael. Als er während seines Jurastudiums Mitte der 60er Jahre in einem Seminar die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt verfolgt, erkennt er Hanna Schmitz als eine der Angeklagten. Die sechs KZ-Wärterinnen müssen sich für den Mord an 300 Menschen verantworten. Während der sogenannten „Todesmärsche“, mit denen Häftlinge vor allem ab April 1945 aus den Konzentrationslagern zu Sammelstellen getrieben wurden, schlossen die Wärterinnen die Häftlinge in einer Kirche ein und ließen sie nach einem Bombenangriff verbrennen.

Es geht in „The Reader“ eben nicht um ein „skandalöses“ Verhältnis zwischen einem Teenager und einer erwachsenen Frau. Das Mediengeschnatter um die Sexszenen kann man getrost vergessen. Das Ritual von Vorlesen und Sex ist vor allem ein Symbol für die emotionale Unreife beider Charaktere: Michael ist zu jung um zu lieben und Hanna Schmitz so emotional verkümmert, dass Vorlesen die eigentliche Form der Intimität für sie ist.

Der Film stellt interessante Fragen: Die nach Schuld und einer möglichen oder unmöglichen Sühne, nach dem Verhältnis von Verbrechen und Strafe und am wichtigsten nach dem Zusammengang zwischen Strafe, Gerechtigkeit und Moral. Wenn man den Film aus dieser Perspektive sieht, wird die Gerichtsverhandlung über die Schuld von Hanna Schmitz zum Kern des Films. Das härteste Urteil, das der Rechtsstaat kennt – lebenslänglich – trifft sie allein. Sie allein wird für den Mord an 300 Menschen schuldig gesprochen. Die fünf mitangeklagten Frauen erhalten wegen Beihilfe zum Mord in 300 Fällen ein Strafmaß von drei Jahren und vier Monaten, obwohl ihre Mittäterschaft logisch und moralisch unbestreitbar ist. Hanna Schmitz hat sich mit ihrem Schuldeingeständnis, das alle Angeklagten belastet, in eine Situation gebracht, die es allen anderen erlaubt die Schuld auf sie abzuwälzen. Die Gerichtsszenen mit Hanna Schmitz im Verhör, Burghard Klaußner bleibt einem in der kleinen Rolle des Richters lange in Erinnerung, und dem mit sich hadernden Michael auf den Zuschauerrängen, sind die stärksten des Films.

Michael Berg trägt sein Leben lang an einer emotionalen Schuld: Er hat während des Prozesses Informationen zurückgehalten, die seine ehemalige Geliebte entlasten hätten. Damit nimmt er in Kauf, dass sie allein für etwas bestraft wird, das sie nicht allein zu verantworten hat. Viel später (jetzt gespielt von Ralph Fiennes) als er wieder durch von ihm gelesene Hörbücher mit der Inhaftierten Kontakt aufnimmt, entzieht er sich immer noch jeder weiteren persönlichen Kommunikation durch Briefe. Schließlich ist er doch bereit, sie kurz vor ihrer Entlassung im Gefängnis zu besuchen und auch dazu, sie nach der Entlassung zu unterstützen. Nie ringt er sich zu einer eindeutigen Haltung zu Hanna Schmitz durch, weil er weder über ihre Taten noch über sein eigenes Verhalten während des Prozesses ein moralisches Urteil fällen kann. An dieser Unfähigkeit ist sein Leben gescheitert.

Stephen Daldry hat einen Film inszeniert, der voll auf emotionale Wucht setzt. Das ist bei einem solchen Thema eigentlich kein Kritikpunkt – wenn die ekelerregend kitschige Musik von Nico Muhly nicht wäre. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum Daldry nicht allein seinen herausragenden Hauptdarstellern (Kross, Winslet, Fiennes) und den prägnanten Bildern der vielfach ausgezeichneten Kameramänner Roger Deakins (Dead Man Walking, A Beautiful Mind, No Country for Old Men) und Chris Menges (Oscar für Killing Fields und The Mission) vertraut, um die Emotionen des Filmstoffs zu transportieren. Ich biete dem Regisseur oder dem Verleih Senator Entertainment 1.000 Euro dafür, den Film ohne die grauenhafte Musik sehen zu dürfen.

Kommentare ( 2 )

hoho, gefährlich. da kann man schnell mal 1000 Euro verlieren... aber der film klingt besser als ich erwartet hätte...

Mir war der Film vor allem zum Ende hin viel zu glattgekämmt und versöhnlich. Die Ambivalenz Michaels in seiem Verhältis zu Hanna - eine große Stärke des Buchs - wurde hier offensichtlich aus Hollywoodesken Gesichtspunkten nicht ausgehalten. Und die Filmmusik war wirklich das Grauen. Auf der Habenseite: Tolle Schausieler (Winslet und Kross, weniger Fiennes, der vor allem betroffen aus der Wäsche zu gucken hate...)

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Titel

Orignaltitel

The Reader

Credits

Regisseur

Stephen Daldry

Schauspieler

Ralph Fiennes

Jeanette Hain

David Kross

Kate Winslet

Drehbuch

Kamera

Roger Deakins

Chris Menges

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2008

Dauer

123 min.

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