Berichte vom Filmfest München 2019

06.07.19 14:20

Filmfest München: Jan-Ole Gerster bekommt Preis für LARA

Filmstill aus LARA. Zu sehen sind die beiden Hauptdarsteller Tom Schilling und Corinna Harfouch

In der Kategorie Beste Regie geht der Förderpreis Neues Deutsches Kino des Filmfest München 2019 an Jan-Ole Gerster für seinen nach OH BOY zweiten Spielfilm LARA. In der Begründung heißt es:

"LARA ist auffällig, aber nicht aufdringlich formbewusst inszeniert, findet starke und originelle Bilder und ist in jeder Rolle grandios besetzt. Jan-Ole Gerster brauchte Zeit für seinen zweiten Film. Die hat er sich genommen, was sowohl dem Film als auch dem Filmemacher gut bekommen ist."

Den Produzentenpreise erhielt Martin Lischke für LEIF IN CONCERT. Sowohl der Preis für das beste Drebbuch (Nils Mohl und Ilker Çatak) als auch der Preise für das beste Schauspiel (Oğulcan Arman Uslu) gingen an ES GILT DAS GESPROCHENE WORT.

Filmfest München: DER SOMMER NACH DEM ABITUR von Eion Moore

Filmstill auf der Sommer nach dem Abitur - Die drei Hauptdarsteller sitzen im Auto und blicken durch die Frontscheibe

Wenn ein Film mit OUR HOUSE von Madness anfängt, dann hat er (zumindest bei mir) bereits gewonnen. OUR HOUSE ist 80er, Formel 1, plattes Land, Schule...alles lange vorbei.

Nach ihrem Abitur haben Alexander, Paul und Ole es verpasst, zum Konzert ihrer Lieblingsband Madness zu fahren. Jetzt nehmen die ehemaligen Schulfreunde einen neuen Anlauf. Mit einem gelben Golf 1 macht sich die Altherren-Boygroup auf in die Provinz. Dort soll die Ska Band auf einem Open Air noch einmal auftreten.

Regisseur Eoin Moore hat bisher viel Polizeiruf 110 gedreht und war wesentlich an der Erfindung des Rostocker Ermittlung-Duos Bukow und König beteiligt. Vor der Vorführung bekennt Moore, dass der Ausflug ins Komödienfach ihm gutgetan habe. Er werde nun mehr Komödien machen...das sei einfach gesünder als Krimi.

Sichtlich teilt der Regisseur jedenfalls die Lust am bösen Witz, der auch mal knapp über der Tischkante fliegen darf, mit seinen hervorragenden Hauptdarstellern Bastian Pastewka, Hans Löw und Fabian Busch. Es ist erfrischend den Dreien auf ihrem Roadtrip zu folgen. Besonders alle über 40- jährigen werden sich mit weiten Teilen identifizieren können, nicht nur mit der wie selbstverständlich auftretenden Frage, wer man war, sein wollte und nun ist, sondern auch mit der tragenden Musik, sei es nun ACDC oder Whitney Houston.

Sehr gelungen ist ebenfalls die Besetzung der Nebenrollen. Pegah Ferydoni (DIE DEFEKTE KATZE) und Alessija Lause mischen in den Fernsehfilm die genau richtig Menge an Romantik. Die Polizeiruf Kollegen Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau sind in kleinen, aber sehr witzigen Szenen zu sehen.

Fernsehstart von der SOMMER NACH DEM ABITUR ist zunächst bei arte und dann im ZDF, wahrscheinlich irgendwann im Herbst. Dann ist diese Komödie eine willkommene Ablenkung von unserer wehmütigen Erinnerung an diesen Sommer.

Filmfest München: ALL I NEVER WANTED von Annika Blendl und Leonie Stade

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Annika Blendl und Leonie Stade nähern sich von zwei Seiten dem sehr eindimensionalen, auf Jugend getrimmten Frauenbild in unserer Gesellschaft. Eine von der Schauspielerin Mareile verkörperte Fernsehkommisarin muss sterben. Eine jüngere Kollegin steht bereit für die Ablösung. Nina startet mit 17 ihre Modelkarriere in Mailand und wird von ihrer Agentur von Casting zu Casting geschickt.

Beide der Hauptfiguren sind auf ihre ganz eigenen Weise in den Mechanismen der Unterhaltungsindustrie gefangen. Mareile muss die einzige sich ihr bietende Chance ergreifen und an einem Theater in Lindau die Jungfrau von Orlean spielen. Nina muss den voyeuristischen Regeln der Modebranche folgen, wenn sie Erfolg haben will.

ALL I NEVER WANTED mischt munter fiktionales mit nicht-fiktionalen Material. Die Grenzen verschwimmen. Annika Blendl und Leonie Stade spielen sich als Annika Blendl und Leonie Stade, die einen Dokumentarfilm über Mareile und Nina drehen, die auch im wirklichen Leben Schauspielerin und Model sind. Die Verschachtelung der Wirklichkeitsebenen verwirrt, macht den Film aber zu einem gelungenen Experiment.

Annika Blendl und Leonie Stade haben bereits mit MOLLATH - UND PLÖTZLICH BIST DU VERRÜCKT einen bemerkenswerten Dokumentarfilm gedreht. ALL I NEVER WANTED ist nun ihr Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen München. Wir können gespannt sein, welches Projekt sie als nächstes präsentieren werden.

05.07.19 10:51

Filmfest München: MAKING WAVES – THE ART OF CINEMATIC SOUND von Midge Costin

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Sound Editor Walter Murch

Künstler, die wir mit STAR WARS verbinden: George Lucas, Harrison Ford und Carrie Fisher. Acopalyse Now? Francis Ford Coppola und Marlon Brando.

Wenn Fußballspieler nach dem Spiel interviewt werden, heben sie immer wieder hervor, dass viele andere ebenfalls am Erfolg beteiligt waren. Auch Regisseure und Schauspieler werden nicht müde zu betonen, dass unzählige Talente in den verschiedensten Bereichen zum Film als Gesamtkunstwerk beitragen.

MAKING WAVES – THE ART OF CINEMATIC SOUND ist in diesem Sinne von großem Wert. Regisseurin Midge Costin öffnet uns buchstäblich die Ohren. Sie lässt ein Stück Filmgeschichte aufleben und bringt Legenden auf den Gebieten Sound Editing und Sound Design vor die Kamera. Uns wird bewusst, wie stark die Arbeit von Walter Murch und Ben Burtt das Filmerlebnis von Klassikern wie APOCALYPSE NOW und STAR WARS geprägt haben. Fast wie selbstverständlich kommt uns mit der Erinnerung an Star Wars auch der Sound der Lichtschwerter und das Zischen der Kampjäger des Imperiums ins Bewusstsein.

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Welcher STAR WARS Figur hat wohl dieser kleine Bär die Stimme verliehen?

Costin widmet sich aber nicht nur Sound Effekten, sondern stellt sie in den größeren Zusammenhang mit anderen Arbeiten in der Disziplin wie Dialog, Musik oder Automatic Dialogue Replacement (ADR), die nachträgliche Aufnahme von Dialogen.

MAKING WAVES ist äußerst unterhaltsam und dabei im besten Sinne lehrreich. Das kommt nicht von ungefähr. Midge Costin hat an der renommierten UCS School of Cinematic Arts die Professur für Art of Dialogue und Sound Editing, ein Lehrstuhl der übrigens von keinem geringerem gestiftet wurde als George Lucas.

02.07.19 21:40

Filmfest München: LARA von Jan-Ole Gerster

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Es ist eine ganz schnörkellos erzählte Geschichte. Leicht. Ohne viel Wendungen. Das mag ich.

Ein verträumter Film. In dem Sinne, dass sich Dinge wie im Traum aneinanderfügen, sich ergeben.

Der Tag von Lara ist in vielerlei Hinsicht besonders. Nicht nur weil sie an diesem Tag 60 wird. Wir folgen ihr zielstrebig ohne festes Ziel durch den Tag. Wichtige Menschen, Begegnungen ziehen vorüber. Zum Finale sind sie wieder da.

Es könnte ein deprimierender Film sein, ist er aber nicht, jedenfalls nicht solange man ihn schaut. Vielleicht kommt das erst nach dem ersten, zweiten, dritten Mal drüber schlafen?

LARA ist für Regisseur Jan-Ole Gerster der Film nach OH BOY. OH BOY war groß. Für Gerster und insbesondere auch für Tom Schilling. Schilling spielt wieder mit. Es sind nur wenige Szenen, er ist aber dennoch sehr präsent.

Getragen wird der Film von Corinna Harfouch. Während des Films denke ich: Corinna Harfouch ist die deutsche Entsprechung von Isabelle Huppert. Wahrscheinlich haben das bereits viele vor mir gedacht. Sie werden sich durch LARA bestätigt fühlen.

29.06.19 21:45

Filmfest München: FOR SAMA von Waad Al Kateab und Edward Watts

woman with video camera looks through the monitor from a window down on a destroyed street

Die verzweifelte Situation in der syrischen Stadt Aleppo war oft ein Thema in den Nachrichten. Man wusste, dass es schlimm war. Der Dokumentarfilm FOR SAMA eröffnet aber eine neue Dimension. Waad Al Kateab hat mit ihrer Video-Kamera die Situation von 2012 bis 2016 beständig dokumentiert. Einige ihrer Aufnahmen hat sie in dieser Zeit auf den sozialen Medien geteilt. Nun hat sie zusammen mit Edward Watts aus ihrem Material einen Dokumentarfilm gemacht.

Die 90 Minuten vermitteln eine Kontinuität der Geschehnisse und menschlichen Schicksale. Es gibt sehr viele erschütternde Bilder aus dem Krankenhaus, wo ihr Mann arbeitet. Sie zeigen durch die Bombenangriffe des Assad Regimes schwer verletzte oder tote Kinder, Blut, unsäglichen Schmerz der Zurückgebliebenen, aber auch einen starken Zusammenhalt.

Unter der Belagerung bringt die Regisseurin ihre Tochter Sama zur Welt. Sama ist der Film gewidmet und sie ist in gewisser Weise auch die Hauptdarstellerin im Film. In all dem Schrecken ist sie ein Gegenentwurf. Ein Symbol für den unbedingten Willen zum Leben, für die Freude und für die Solidarität zwischen Menschen.

Im Anschluss an den Film wünscht sich die Regisseurin, dass der Film ein Bewusstsein schafft, was in Syrien passiert. Sie möchte mit dem Film dazu beitragen, dass das Überschreiten der "Roten Linien", wie das Bombardieren von Krankenhäusern, nicht einfach so hingenommen wird.

Derzeit wird FOR SAMA auf vielen Festivals gezeigt und ist in Cannes als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet worden. Bald wird Waad Al Kateab den Film auch bei der UN vorstellen. Wer sich zu dem Film auf dem Laufenden halten möchte, kann sich über die Website des Films informieren (https://www.forsamafilm.com/).

28.06.19 23:17

Filmfest München - Impression: DIE NEUE ZEIT von Lars Kraume

team mitglieder der fernsehserie die neue zeit auf der kino bühne bei der premiere


Begeistert wurde am zweiten Festivaltag die Premiere von DIE NEUE ZEIT von Lars Kraume (auf dem Foto 3. von rechts) gefeiert. In fünf Stunden verfolgt die Fernsehserie die Jahre des Bauhaus unter der Leitung von Walther Gropius. Neben Gropius steht aber fast noch mehr eine seiner Studentinnen im Mittelpunkt: die Künstlerin Dörte Helm. Dargestellt wird sie mit funkelnder Energie von Anna Maria Mühe. Zur Seite steht ihr im Film die ebenfalls sehr überzeugende und unverkrampft frisch aufspielende Valerie Pachner.

19.05.19 21:14

Dok.fest München 2019: Die Preise sind vergeben

VIKTOR Main Competition DOK.international

DER NACKTE KÖNIG – 18 FRAGMENTE ÜBER REVOLUTION von Andreas Hoessli

Filmstill of DER NACKTE KÖNIG – 18 FRAGMENTE ÜBER REVOLUTION

VIKTOR Main Competition DOK.international

DIE BAULICHE MASSNAHME von Nikolaus Geyerhalter

Filmstill of DIE BAULICHE MASSNAHME

VIKTOR DOK.horizonte

ESTÁ TODO BIEN von Tiku Jencquel

Filmstill of ESTÁ TODO BIEN

12.05.19 21:42

DOK.fest München 2019: DAS INNERE LEUCHTEN von Stefan Sick

Filmstill aus dem Berlinale Beitrag das innere Leuchten. Man sieht Manfred Volz wie er mit geschlossenen Augen die Hände hochhält.

Manfred Volz singt. Eigentlich summt er mehr; in sich hinein. Als ob er Musik durch einen Kopfhörer hört. Dazu beschreibt er mit seinen Armen harmonische Kreise wie ein Tai-Chi Dirigent. Das macht er den ganzen Tag. Volz ist die Hauptfigur in Stefan Sicks überzeugender Dokumentation über die Bewohner in einem Heim für Demenzkranke.

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30.04.19 12:25

HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT - Best Documentary - Crossing Europe 2019

Thomas Heise steht am Mikrofon und hält den Preis (eine Schneekugel) in der rechten Hand und in der linken Hand die Urkunde
Regisseur Thomas Heise bei der Preisverleihung auf der Crossing Europe 2019
(© Michael Straub / subtext.at)

Thomas Heise wurde bei dem Linzer Filmfestival Crossing Europe für seinen neuesten Film ausgezeichnet. HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT bekam den Preis Bester Dokumentarfilm. In der Begründung der Jury heißt es:

"Wir vergeben den Social Awareness Award der 16. Ausgabe des Crossing Europe
Festivals an eine in jeder Hinsicht unangepasste, dichte und herausragende Arbeit, der es auf virtuose Weise gelingt uns zu entschleunigen und zeitgleich hellwache Konzentration herzustellen.

Historische Kontinuitäten finden sich mit vielfältigen Rissen und Brüchen persönlicher Biografien verschränkt zu einer immersiven Familien Saga. Es entstehen kontemplative Zeit- und Bildräume, die kollektive und individuelle Erfahrungen des letzten Jahrhunderts erfahrbar machen."

Als bester Spielfim wurde TCHELOVEK KOTORIJ UDIVIL VSEH (The man who surprised everyone) von Natasha Merkulova und Aleksey Chupov ausgezeichnet.

28.04.19 19:34

Crossing Europe 2019: SYLVANA, DEMON OR DIVA von Ingeborg Jansen

Filmdirector Ingeborg Jansen

Ingeborg Jansen ist sich nicht sicher. Wird ihr Dokumentarfilm auch außerhalb der Niederlande funktionieren? In den Niederlanden ist Sylvana Simons sehr bekannt, außerhalb der Niederlande aber weniger.

Nach 90 Minuten ist klar: SYLVANA, DEMON OR DIVA beeindruckt nicht nur die Zuschauer*innen beim IDFA Festival in Amsterdam sondern auch bei CROSSING EUROPE in Linz.

Sylvana Simon standing in front of a microphone.

Das Porträt der Politikerin und ehemaligen Moderatorin Sylvana Simons offenbart allgemeingültige Facetten in der gegenwärtigen politischen Kultur. Es zeigt u.a. wie eine starke Persönlichkeit darum kämpft, trotz Anfeindungen in sozialen wie traditionellen Medien fair, respektvoll und mit guten Argumenten die eigene Überzeugung zu vertreten.

Jansen filmt Simons während des Wahlkampfs für das Stadtparlament in Amsterdam. Sie ist Spitzenkandidatin der Partei BIJ1. Simons hat die Partei erst vor kurzem gründet. BIJ1 ist eine bunte Mischung aus Menschen unterschiedlicher alternativer Strömungen. Gemeinsam geht es Ihnen um die Überwindung von struktureller Diskriminierung und Rassismus.

Sylvana Simon sitting in a car looking through a window. It has a touch of lonliness.

Der Film arbeitet deutlich heraus, welchen Medienmarathon man derzeit bei einem Wahlkampf durchstehen muss. Dabei geht es sehr oft unfair zu. Immer wieder muss sich Simons mit Sexismus und Rassismus auseinandersetzen. Bewusst zeigt Jansen auch ein paar Situationen, in denen es der Politikerin dann nicht gelingt, die Fassung zu bewahren. Wie Simon aber hinterher diese Situationen und ihre Selbstzweifel reflektiert, ist bewundernswert. Es sind gerade diese Szenen, die den Dokumentarfilm glaubwürdig machen und den Zuschauer mitnehmen.

Am Ende des Films wünscht man sich eine Partei wie BIJ1 und Politikerin wie Sylvana Simons auch in Deutschland. Charismatisch, streitbar und intelligent versucht sie Menschen eine Stimme zu geben, die nicht nur mit dem Land verbunden sind, in dem sie leben und das für sie Heimat ist. Sehr passend läuft Jansens Dokumentarfilm in Linz in der Reihe EUROPEAN PANORAMA DOCUMENTARY. Es ist schön, dass in Europa auch positive Rollenvorbilder ausgetauscht werden können.

Crossing Europe 2019: Publikumsgespräch mit Thomas Heise zu HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT

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HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT sei kein therapeutischer Film, stellt Thomas Heise klar. Er ist nach Linz angereist, um seinen auf der Berlinale hoch gelobten Film selbst vorzustellen. Natürlich liegt die Frage nach Identitätssuche nahe. Schließlich geht es in 3 Stunden Film um Heises Familie. Aber der Dokumentarfilmer wollte ganz allgemein die Verschränkung von Biografie und Geschichte zeigen.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Selten habe ich in einem Film die deutsche Geschichte so nah erfahren, insbesondere nicht als eine gesamtdeutsche Geschichte. Als dann eine Frage impliziert, dass es sich bei der Episode, die mit einem Brief von Christa Wolff beginnt, um eine DDR Episode handele, wird Heise hellhörig. Das ist ihm wichtig. Es gäbe keine DDR Episode. Auch dies sei eine deutsche Episode. Um das zu verdeutlichen, habe er die Briefe von Udo an Rosie in den Film mit aufgenommen. Berechtigterweise stellt er fest, dass die deutsche Geschichte nach 1945 aus BRD Sicht erzählt wird und die DDR Geschichte als ihr Anhängsel.

Obwohl Thomas Heise die Idee zum Film bereits seit vielen Jahren mit sich trägt, war ihm nicht klar, wie er die Geschichte erzählen würde. Erst am Schneidetisch sei die Erzählstruktur entstanden. Dies war auch gar nicht anders möglich. Er hatte eine große Kiste voller Briefe. Diese mussten erst einmal transkribiert werden. Ein Jahr habe dies gedauert. Die sich daran anschließende Arbeit vergleicht Heise mit dem Zusammensetzen von Scherben. Man versucht so gut es geht den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. Dabei könne es schon sein, dass der Henkel ursprünglich auf der anderen Seite der Tasse gewesen sei oder dass die Tasse gar keinen Henkel gehabt habe. Darauf komme es aber nicht an. Das Gesamtbild zähle.

Crossing Europe 2019: DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN von Susanne Heinrich

Susanne Heinrich sitzt nach der Vorstellung auf der Vorbühne und diskutiert mit einer Moderatorin von Crossing Europe über ihren Film. Das Bild ist in Schwarz-Weiss.

Der Abspann läuft. Regisseurin Susanne Heinrich tritt mit Mikro vor die Leinwand. Sie erklärt, warum sie bereits jetzt, noch während des Abspanns, mit der Q&A beginnt. Er dauert sieben Minuten. Durch diese Ausdehnung konnte sie die volle Filmförderung nutzen.

Der Ansatz ist exemplarisch für die Herangehensweise von Heinrich. Sich im System bewegen, aber unabhängig und kritisch. Eine herausfordernde Gegenspielerin sein, sich mit intelligentem Witz das, woran man verzweifelt, für sich nutzbar machen und es perspektivisch auf einen Punkt zuwenden, an dem irgendwann Utopien entstehen können.

Heinrich selbst spricht von "Produktiv machen von Unwohlsein". Ihre Protagonistin verzweifelt. Die von Marie Rathscheck auf den Punkt genau gespielte junge Frau verzweifelt an Rollenzuschreibungen, an Ansprüchen gegenüber sich selbst aber vor allen an Männern. Wenn zum Beispiel der Mann nach dem Sex das Kondom zuknotet und in den Papierkorb legt, dann macht sie dieser Professionalismus traurig. Traurig auch, dass sie bereits vor langem ein Buch angefangen hat, aber nicht über den Anfangssatz des zweiten Kapitels hinauskommt.

Filmstill aus dem Film 'Das melancholische Mädchen'. Die Protagonistin posiert im Profil an einer Fototapete mit Palmen, hat einen Pelzmantel an, unter dem sie nicht bekleidet ist, hält in ihrer rechten Hand eine Zigarette und spricht.

DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN ist stilisiert, bunt ausstaffiert und in seiner absurden Wahrhaftigkeit durchgängig unterhaltsam. Die junge Frau spricht eintönig und monologisierend ihre melancholischen Gedanken direkt an ihren männlichen Mitspieler*innen vorbei. In der Überspitzung legt Heinrich die Un-Verhältnisse offen. Sie folgt damit keinem Geringeren als Bertolt Brecht, der den Verfremdungseffekt zu einem zentralen Bestandteil seines Theaters gemacht hat.

Der DFFB Abschlussfilm ist auch Heinrichs Spielfilmdebüt. Sie ist aber bereits lange aktive Kulturarbeiterin. Sie hat bereits zwei Romane und zwei Erzählbände veröffentlicht. 2005 war sie beim Bachmannpreis in Klagenfurt und 2011 Stipendiatin an der Villa Massimo.

Das merkt man in der Q&A nach dem Film. Die Regisseurin ist eloquent und es wird klar, wie nah ihr Film an aktuellen sozio-philosophischen Diskursen ist. Ein klarer Bezug sind z.B. die Arbeiten von Eva Illouz. Heinrichs Ansätze bleiben aber nicht nur Theorie. Sie setzt sie sowohl Filmproduktion als auch Filmstil praktisch um. So war 70% der Film-Crew mit Frauen besetzt und die Aufteilung des MELANCHOLISCHEN MÄDCHENS in Episoden folgt ihrem eigenen Aufruf, sich dem Ordnungsprinzip der Story zu widersetzen.

Susanne Heinrich ist eine politisch feministische Filmemacherin der neuen Generation. Sie hat keine Scheu alle Genres zu nutzen oder die Wirklichkeit mit einem Zuckerguss zu übergießen. Es sind ihre Mittel, um für die Zuschauer*in den Blick auf Muster freizulegen, die in ihrer gesellschaftlichen Wiederholung Frauen den Raum nehmen.

Wer mehr von Heinrich hören möchte, sollte am 29.4. nach Berlin kommen. Da organisiert sie an der DFFB die Konferenz KINO IN DEN ZEITEN DER KATASTROPHE.

27.04.19 8:55

Crossing Europe 2019: MONȘTRI (Monsters) von Marius Olteanu

Ein Filmstill aus Monstri. Der Ausschnitt zeigt die Hauptfigur Dana gefilmt durch eine Autoscheibe, wie sie im Dunkeln telefoniert. Sie schweigt.

Vor langer Zeit habe ich mal eine Postkarte bekommen. Darauf stand "In der Liebe gibt es immer drei Wahrheiten: meine, deine und die Gottes". Es muss nicht gleich Gott sein, aber ja - es gibt eine Ebene der dritten Wahrheiten.

Es ist daher folgerichtig, wie Marius Olteanu seinen Film MONȘTRI aufbaut. Im ersten Teil widmet er sich Dana. Sie fährt in einem Taxi durch die Nacht. Vor ihrem Wohnhaus wartet sie, zusammen mit einem wortkargen und frustrierten Taxifahrer.

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26.04.19 18:55

Crossing Europe 2019: HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT von Thomas Heise

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102 Jahre Familiengeschichte von 1912 bis 2014 erzählt Thomas Heise in seinem dokumentarischen Filmessay HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT in 218 Minuten. Das sind zwei beeindruckende Zeitspannen: drei Familiengenerationen und ein langer Abend im Kino. Es ist auch ein Film über fünf deutsche Staaten und politische Systeme: das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Bundesrepublik Deutschland (Mai 1949 bis Oktober 1990), die Deutsche Demokratische Republik (Oktober 1949 bis Oktober 1990) und die Bundesrepublik Deutschland nach dem 3. Oktober 1990. Heise erzählt in seinem Film jedoch keine große Geschichte, er schlägt keinen großen Bogen, sondern bleibt nah an seiner Familie. Es sind die persönlichen Schicksale, die wichtig sind. Auch beim dokumentarischen Material sind die privaten, kleinen Aufzeichnungen das Entscheidende: Es sind vor allem Briefe, aber auch Tagebuchaufzeichnungen oder Schulaufsätze, die das Textmaterial liefern. Die Textauszüge werden vom Regisseur selbst gelesen, was den familiären Bezug noch stärker macht.

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Crossing Europe 2019: SYSTEMSPRENGER von Nora Fingscheidt

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Es gibt Kinder, die fallen durch alle Raster der staatlichen Fürsorge. Sie akzeptieren keinerlei Regeln, sind unberechenbar, aggressiv und oft gewalttätig gegen sich und andere. Im Jargon der Erzieher gibt es ein Wort für diese Kinder – man nennt sie „Systemsprenger“. Die neunjährige Benni, Hauptfigur sowie höchst energetischer Dreh- und Angelpunkt in Nora Fingscheidts Wettbewerbsbeitrag SYSTEMSPRENGER ist ein solches Kind. Sie prügelt sich ohne Rücksicht auf sich selbst und andere, ist wahnsinnig anstrengend, greift alles und jeden an, sobald sie nicht ihren Willen bekommt, und will doch eigentlich nur zurück zu ihrer Mutter. Die allerdings ist heillos von diesem wilden Wesen überfordert und stielt sich immer wieder aus der Verantwortung – letztlich hat sie geradezu Angst vor ihrer eigenen Tochter. Welche Chancen, so fragt Fingscheidts Film, haben solche Kinder, das zu bekommen, was sie sich so sehnlich wünschen: Liebe und Geborgenheit?

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23.04.19 19:52

Crossing Europe 2019

Eingang zum Moviemento eines der zwei großen Festivalkinos. Es wehen Fahnen mit den Motiv des Crossing Europe Festivals 2019

Cannes, Venedig, Berlin, Locarno...Linz? So richtig hat man Linz nicht auf seinen Festivalfahrplan. Zu Unrecht! Bereits seit 2004 kuratiert Christine Dollhofer jedes Frühjahr beim Linzer Filmfestival Crossing Europe eine feine Auswahl von europäischen Filmen, die auf den A-Filmfestival in Venedig, Berlin oder Cannes gesichtet wurden. Wie bei anderen "Nachspielfestivals" hat dies für den Zuschauer den großen Vorteil, dass man hier gezielt in Publikumslieblinge und Presse-Favoriten gehen kann. Bei Premierenfestivals muss man sich dagegen immer wieder überraschen lassen. Das geht auch oft nicht so gut aus.

Die zeitliche Nähe zur Berlinale macht sich durchaus bezahlt. Mit zwei Monaten Abstand steht man nicht mehr im Schatten des A-Festivals, profitiert aber noch immer von der positiven Berichterstattung einiger Filme, die sich dann auch im Crossing Europe Programm wiederfinden.

Unter den 160 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen sind u.a. der auf der Berlinale 2019 hochgelobte Dokumentarfilm HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT von Thomas Heise, der Preisträger SYSTEMSPRENGER von Nora Fingscheidt (Silberner Bär Alfred Bauer Preise) sowie die Entdeckungen MONȘTRI von Marius Olteanu.

16.02.19 17:36

Bären 2019

GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN FILM

SYNONYMES (SYNONYMS) von Nadav Lapid

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Panorama Publikumspreis (Berlinale 2019)

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Die Gunst des Panorama Publikums haben 2019 37 SECONDS und TALKING ABOUT TREES gewonnen. Beide Filme wurden bereits bei den Kino-Vorführungen vom Publikum gefeiert.

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Preise der unabhängigen Jurys (Berlinale 2019)

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Mit den "inoffiziellen" Awards wurden u.a. SYSTEMSPRENGER, HER NAME IS PETRUNYA, MONȘTRI und 37 SECONDS ausgezeichnet.

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Ciao Dieter!

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Dieter Kosslick mit Michael Ballhaus (Berlinale 2016)

Das war sie nun (fast): die letzte Berlinale von Dieter Kosslick. Bei der Vergabe der "inoffiziellen" Preise heute Mittag fand Kosslick in seiner Rede deutliche, für seine Verhältnisse unverspaßte, Worte. Es hielt ein Plädoyer für das Filmfestival, insbesondere für das politische Filmfestival.

In den letzten Berlinale Jahren war Kosslick von einem Teil der Filmpublizistik stark kritisiert worden. Ich habe die Kritik oft als unangenehm besserwisserisch empfunden, insbesondere im Tonfall. Meine erste Berlinale war 1991 noch unter Moritz de Hadeln, aber die erste Berlinale von festivalblog war 2005, vier Jahre nach dem Kosslick übernommen hatte.

Aus meiner Sicht hat Kosslick in seiner Zeit die Berlinale von seinem Film-Elfenbeinturm hinuntergeführt und das filminteressierte Publikum mit offenen Armen in die Berlinale Kinos eingeladen.

Dafür und für manches andere gebührt "dem Dieter" ein fettes DANKE SCHÖN!

Einer wird gewinnen....

...aber wer? Wen wird die Festival-Jury um Juliette Binoche 2019 mit den Goldenen Bären auszeichnen? Tipps zum Goldenen Bären und dem Rest der Bärenfamilie sind wie immer willkommen : )

TALKING ABOUT TREES von Suhaib Gasmelbari (Berlinale 2019)

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Im Dunkeln sitzen sie zusammen. Aus einer Plastikflasche füllt sich Ibrahim Schnaps in sein Glas. Aus gemeinsamen Erinnerungen entstehen im Gespräch träumerische Bilder von einem Kino, das es nicht mehr gibt.

In DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN von Robert Musil gibt es folgende Stelle: "Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben."

Die Bemühungen, mit denen die sudanesischen Regisseure und Filmschaffende versuchen, eines der stillgelegten Kinos wieder für eine große Vorstellung zu öffnen, könnte nicht besser beschrieben werden.

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PETER LINDBERGH – WOMEN'S STORIES von Jean Michel Vecchiet (Berlinale 2019)

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Bild Supermodels - Copyright Peter Lindbergh

Peter Lindbergh macht keine großen Worte um seine Kunst. Es scheint ihm zu widerstreben, sein Werk zu hinterfragen. Lieber lässt er seine Fotos für sich sprechen.

Allein der Ansatz von PETER LINDBERGH – WOMEN'S STORIES sorgt daher für einen schalen Nachgeschmack. Da Jean Michel Vecchiet von Lindbergh nicht die Antworten bekommt, die er für seinen Dokumentarfilm braucht, interviewt er Schlüsselfiguren aus seinem Leben, u.a. Lindberghs Schwester und seine Ehefrauen.

Die Herangehensweise von Vecchiet ist der Arbeitsweise des berühmten Fotografen diametral entgegengesetzt. Tänzelnd und mit viel Empathie löst Lindberg die Stimmung am Set. Obwohl er eine Vorstellung hat, was er fotografieren möchte, versucht er nichts zu erzwingen. Das psychologisierende Aufbereiten der Familiengeschichte Lindberghs in Vecchiets Film fühlt sich dagegen an wie eine permanente Grenzüberschreitung.

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14.02.19 21:22

AGNÈS PAR VARDA von AGNÈS VARDA (Berlinale 2019)

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Wenn eine Regisseurin einen Film über ihre eigenen Filme und ihre visuelle Kunst macht und dieser Film dann auch noch zum Teil aus ihren eigenen Vorträgen besteht, dann könnte das fürchterlich öde werden. Bei Agnès Varda wird keine Sekunde langweilig. In VARDA PAR AGNÈS, den die Berlinale im Wettbewerb zeigt, hält sich die 90-jährige, die in diesem Jahr auch die Berlinale Kamera erhielt, an ihr eigenes künstlerisches Credo: Inspriation, creation, partage – Inspiration, Kreativität, teilnehmen lassen. Ihr größter Alptraum als Regisseurin? „Ein leerer Kinosaal.“

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ÖNDÖG von Wang Quan’an (Berlinale 2019)

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Eine nackte Frauenleiche, ein junger Polizist und eine Hirtin und ihr Trampeltier verbringen gemeinsam eine bitterkalte Nacht mitten im Nichts in der mongolischen Steppe. Irgendwo in der Umgebung gibt es auch noch eine Wölfin. Deshalb hat der Kommissar der Hirtin befohlen, den jungen Polizisten zu beschützen. Denn sie hat auch ein Gewehr und kann damit umgehen. Am nächsten Morgen wird der Kommissar mit der Spurensicherung wiederkommen.

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DI JIU TIAN CHANG (SO LONG, MY SON) von Wang Xiaoshuai (Berlinale 2019)

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Wir begleiten drei chinesische Paare, eine Single-Frau und drei Kinder als Kino-Zuschauer über drei Stunden hinweg durch ihr Leben – oder auch über einen Zeitraum von 40 Jahren, je nach Sichtweise. Kulturrevolution, Ein-Kind-Politik, Wirtschaftsreform und Turbo-Kapitalismus sind die politischen und gesellschaftlichen Eckpunkte, die – ebenso wie eine private Tragödie – tief gehende Spuren im Leben der Protagonisten hinterlassen. Oder sollte man besser von Narben sprechen? Meisterlich breitet Regisseur Wang Xiaoshuai in DI JIU TIAN CHANG ein Tableau ineinander verschränkter Handlungsstränge, Zeitebenen und Emotionen vor uns aus – und macht damit eindrücklich erfahrbar, was sonst gern als wohlfeiles Diktum behauptet wird: dass das Private und das Politische untrennbar miteinander verwoben sind.

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ELISA Y MARCELA (ELISA & MARCELA) von Isabel Coixet (Berlinale 2019)

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Wenn zwei Frauen sich lieben, kann man das entweder ganz normal finden oder Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um diese vermeintliche „Abnormität“ zu verhindern. Im Argentinien des späten 19. Jahrhunderts standen die Chancen für lesbische Frauen schlecht, ihr Lebensglück zu verwirklichen – oder sie mussten sehr trickreich vorgehen. Die aus Barcelona stammende Regisseurin Isabel Coixet hat mit ELISA Y MARCELA eine verblüffende Geschichte verfilmt, die auf wahren Begebenheiten basiert: 1901 heirateten die gebürtigen Argentinierinnen Elisa Sánchez Loriga und Marcela Gracia Ibeas in Nordspanien – Elisa mit Kurzhaarschnitt, Männerklamotten, falschem Namen und falschem Schnauzer als Bräutigam verkleidet. Nicht lange, und das Paar wurde enttarnt und musste nach Portugal fliehen. Eine spannende, außergewöhnliche und anrührende Geschichte – nur leider fällt Coixets Netflix-Produktion dem unbedingten Willen zur Schönheit zum Opfer.

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SYNONYMES (SYNONYMS) von Nadav Lapid (Berlinale 2019)

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Gleich an seinem ersten Morgen in Paris steht Yoav buchstäblich nackt da – jemand hat ihm in der riesigen, leerstehenden Wohnung, in der er übernachtet hat, Kleider, Rucksack und Gepäck geklaut, während er unter der Dusche stand. Im Grunde will der junge, innerlich offenbar tief verstörte Israeli ohnehin alles ablegen, was ihn mit seinem Heimatland verbindet – aber der Start ins Französischsein ist angesichts der winterlichen Temperaturen und fehlenden Heizung erst einmal vor allem eines: verdammt kalt.

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13.02.19 20:45

RINGSIDE von André Hörmann (Berlinale 2019)

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Kenny und Destyne sind Kinder. Kenny und Destyne sind auch Boxer. Sie haben denselben Traum: Erst wollen sie zu den Olympischen Spielen und dann als Profi Karriere machen. Einen anderen Traum, es nach oben zu schaffen, gibt es für afroamerikanische Jungs, die in Chicagos South Side aufwachsen, eigentlich auch nicht. Das wird in André Hörmanns Dokumentarfilm schnell klar. 2012 sind die beiden junge Erwachsene und die Träume geplatzt: Kenny ist früh in den Qualifikationskämpfen für die US-Olympiamannschaft gescheitert und Destyne sitzt im Gefängnis, weil er an mehreren Raubüberfällen beteiligt war. RINGSIDE beweist einmal mehr, dass einige der besten Berlinale-Filme in der Sektion Generation 14plus gezeigt werden.

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FUKUOKA von Zhang Lu (Berlinale 2019)

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In unseren Vorstellungen folgen Raum und Zeit nicht Distanz und Sequenz. Sie fallen zusammen, auseinander und ordnen sich dann wieder selbst. "Letztes Jahr war ich in Fukuoka. Es kommt mir sehr lange her vor" sagt Zhang Lu nach dem Film. "Dagegen fühlt sich der Besuch von vor 10 Jahren noch ganz frisch an."

Vor 28 Jahren haben sich die Wege der ehemaligen Freunde Hae-hyo und Jea-moon getrennt. Nun führt die junge So-dam die beiden in der japanischen Stadt Fukuoka wieder zusammen.

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ICH WAR ZUHAUSE, ABER von Angela Schanelec (Berlinale 2019)

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Philip sitzt im Zimmer des Schuldirektors. Der Direktor schaut aus dem Fenster auf den Schulhof. Er sieht, wie eine Frau über den Schulhof rennt. Sie kommt zur Tür hinein. Er geht aus dem Zimmer, lässt beide allein. Die Frau kniet auf dem Boden und umklammert die Beine des sitzenden Jungen. Es wird kein Wort gesprochen.

Die Bilder von Angela Schanelec sind eine Aneinanderreihung von Gemälden. Ihre Komposition ist ästhetisch bestechend. Es wird wenig gesprochen. Wenn gesprochen wird, dann in einem künstlichen Rezitationsstil, wie bei einer Theateraufführung. ICH WAR ZUHAUSE, ABER würde unglaublich gut als Comic funktionieren. Auch der Comic reduziert aus der Begrenztheit seiner Form heraus.

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12.02.19 23:33

L’ADIEU À LA NUIT (FAREWELL TO THE NIGHT) von André Téchiné (Berlinale 2019)

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Wenn man eine Großmutter hat, die wie Catherine Deneuve aussieht, warmherzig und verständnisvoll ist, und obendrein wunderschöne Pferde inmitten einer paradiesischen Landschaft züchtet – warum will man dann im Krieg für den IS Ungläubige abschlachten? Dass diese Frage so penetrant im Vordergrund steht und offensichtlich eine Beantwortung nicht vorgesehen ist, das ist der entscheidende Schwachpunkt in André Téchinés Drama L’ADIEU À LA NUIT. Großartig gespielt von der Deneuve als Großmutter und Kacey Mottet Klein als radikalisierter Enkel, darbt der außer Konkurenz laufende Wettbewerbsbeitrag an seinem unbedingten Willen, Argumente gegen terroristische Radikalisierung allzu holzschnittartig im Versuchsaufbau der Figuren und der Handlung zu implementieren.

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LA PARANZA DIE BAMBINI (PIRANHAS) von Claudio Giovannesi (Berlinale 2019)

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Mit 15 möchte jeder gerne cooler sein, als er ist. Nicola und seinen Kumpels aus dem Altstadtviertel Sanità in Neapel geht es da nicht anders. Nur, dass die Wege, an Coolness (sprich: Geld, Klamotten, Mädchen und das damit verbundene Ansehen) zu kommen im Herzen der Camorra-Stadt Neapel limitiert sind. Zumindest, wenn man nicht ohnehin stinkreich, sehr willensstark oder ein ganz großes Fußballtalent ist. Also das Übliche: Karriere in Sachen Drogendealen, Schutzgelder und Co. Aber statt sich mühsam hochzudienen, haben die Jungs eine andere Idee. Sie booten bei der ersten sich passenden Gelegenheit die alten Chefs aus und übernehmen die Herrschaft über das Stadtviertel ganz einfach selbst.

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FLATLAND von Jenna Bass (Berlinale 2019)

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In einem ziemlich runtergekommenen Dorf in der Karoo-Halbwüste in Südafrika heiraten Bakkies (De Klerk Oelofse) und Natalie (Nicole Fortuin). Natalie scheint schon bei der Trauung nicht besonders glücklich zu sein. In der Hochzeitsnacht agiert Bakkies nicht wie ein Ehemann, sondern wie ein Vergewaltiger. Am Ende einer desaströsen Nacht liegt der Pfarrer tot in seinem Blut und Natalie flieht auf ihrem Pferd zu ihrer schwangeren Freundin Poppie (Izel Bezuidenhout). Jetzt entwickelt die FLATLAND-Regisseurin und Drehbuchautorin Jenna Bass einen Plot auf den Thelma, Louise und Elmore Leonard gleichermaßen stolz gewesen wären. Denn die Verfolgung der beiden jungen Frauen nimmt Police Captain Beauty Cuba (Faith Baloyi) auf. Sie hat ein ganz besonderes Motiv den Fall aufzuklären: Ihrem Ex-Lover Billy, der gerade erst aus dem Gefängnis entlassen wurde, soll der Mord in die Schuhe geschoben werden.

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A DOG CALLED MONEY von Seamus Murphy (Berlinale 2019)

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Wie entsteht Kunst? Aus welcher Quelle speist sich Kreativität? Wie positioniert man sich als Künstler zu drängenden politischen und sozialen Konflikten und wie kann man die Schicksale der Menschen, die in den Krisengebieten dieser Welt leben müssen, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich manchen? A DOG CALLED MONEY basiert auf den persönlichen Eindrücken, die PJ Harvey zwischen 2011 und 2014 auf ihren Reisen mit dem Regisseur und Kriegsfotografen Seamus Murphy in Afghanistan, im Kosovo und in Washington D.C. gewonnen hat. Wie in einem poetischen Puzzle arrangiert Murphy in seinem Film kunstvoll dokumentarisches Material aus den gemeinsamen Reisen mit Gedanken und Songtexten Harveys und rundet das Ganze ab durch Aufnahmen, die die Entstehung des letzten Studioalbums der Sängerin zeigen. Dabei ist sein Film weder ein klassischer Konzertfilm über eine berühmte Indie-Musikerin noch eine Reportage zur aktuellen Situation von Menschen in Krisengebieten. Entstanden ist vielmehr etwas Neues und faszinierend Anderes, vielleicht tatsächlich so etwas wie ein weltumspannender "homo sapiens blues".

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11.02.19 21:23

ALL MY LOVING von Edward Berger (Berlinale 2019)

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Die Brüder Stefan (Lars Eidinger) und Tobias (Hans Löw) treffen sich in einem hässlichen Designerrestaurant, das verzweifelt Klasse simuliert. Stefan hat es ausgesucht und fühlt sich wie zu Hause. Tobias fühlt sich unwohl und ist schon mit der Karte überfordert. Bereits nach Sekunden ist das Verhältnis zwischen den beiden klar: Stefan ist der erfolgreiche Karrierearsch, Tobias der Loser, der nichts auf die Reihe kriegt. Sie warten auf ihre Schwester Julia (Nele Mueller-Stöven). Die kommt zu spät. Ist nervös und zieht nicht einmal den Mantel aus, bevor sie sich an den Tisch sitzt. Offensichtlich hat sie ein Problem. Und zwar ein Problem, das größer ist als die Krankheit ihres Hundes Rocco, der im Auto wartet. Aber darüber will sie nicht reden. Die drei treffen sich, um über ihren Vater (Manfred Zapatka) zu sprechen. Der ist krank, geht aber nicht zum Arzt und wohnt mit der Mutter einige hundert Kilometer entfernt. Stefan hat keine Zeit, sich zu kümmern und Julia fährt mit ihrem Mann nach Turin, also wird Tobias zu den Eltern fahren. Das ist die Ausgangssituation von Edward Bergers ALL MY LOVING.

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THE SHADOW PLAY von Lou Ye (Berlinale 2019)

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Film Noir auf Chinesisch. Ein Mord auf der Baustelle: Spontane Proteste der Bevölkerung gegen die korrupte Baukommission in der Stadt Guangzhou in Südchina scheinen aus dem Ruder gelaufen zu sein. Der dicke Baukommissar ist tot. Die Witwe scheint hinter ihrer teuren Sonnenbrille zu trauern. Der einsame Held, ein junger Polizist Marke Alain Delon auf Chinesisch, traut dem Frieden nicht und beginnt zu wühlen. Er findet: Eine verbrannte und nie identifizierte Frauenleiche, eine Baufirma, die in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchzeiten in China nach 1989 einen rasanten Erfolg hingelegt hat, einen zwielichtigen Strippenzieher im Hintergrund, „verlorene“ Polizeiakten, ein Liebesdreieck, das bald zum Liebesviereck, -fünfeck, -sechseck wird…und ihn selbst in seine Fänge zieht. Und das ist erst der Anfang.

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Oh, süßes Nichtverstehen! (Berlinale 2019)

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Endlich mal wieder asiatisches Kino genießen auf der Berlinale! THE SHADOW PLAY. Thriller aus China. Panorama-Beitrag. Der Kinosaal gefüllt mit gefühlt 90 Prozent Chinesinnen und Chinesen. Ich liebe es! Verstehe kein Wort von dem, was die vielen Menschen um mich herum so munter miteinander beplappern, aber es klingt meist gut gelaunt und eigentlich immer seeehr aufgeregt. Nichtverstehen ist manchmal richtig schön. Irgendwie entspannend. Die summende und sirrende Geräuschkulisse um mich herum macht mich ein wenig schläfrig und stimmt mich zugleich richtig gut auf den bald beginnenden Film ein. Der hat zum Glück Untertitel.

RÉPERTOIRE DES VILLES DISPARUES (GHOST TOWN ANTHOLOGY) von Denis Coté (Berlinale 2019)

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Der Blick der Kamera ruht jeweils für einige Sekunden auf tristen, verlassenen Gebäuden, die in ihrer blassen Monochromie fast im Schneegestöber untergehen. Erst eine Art Schuppen, dann eine Garage, ein Wohnhaus. Grobkörniges Filmmaterial, gedreht auf 16mm. Denis Coté, Kanadischer Regisseur, setzt bereits mit den ersten Bildern von RÉPERTOIRE DES VILLES DISPARUES (GHOST TOWN ANTHOLOGY) das Gefühl der Fremdheit und Abweisung, das sich durch den gesamten Film ziehen wird. Dann rast ein Auto durch den Schnee, durch eine scharfe Wendung des Lenkrads prallt es frontal gegen eine Mauer. Ein Knall, Stille. Drei Kinder in seltsam mittelalterlich anmutenden Kostümen, mit Geistermasken aus Pappmaché vor den Gesichtern, nähern sich vorsichtig dem Wrack. Laufen Weg. Wer jetzt mutmaßt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, liegt nicht ganz falsch.

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WHAT SHE SAID: THE ART OF PAULINE KAEL von Rob Garver (Berlinale 2019)

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Mehrfachspiegelung. Eine Filmkritikerin geht ins Kino. Sie schaut einen Film. Danach schreibt sie über den Film. Mit dem Geschriebenen wird sie berühmt. Ein Film wird über die Filmkritikerin gemacht. Ich gehe ins Kino. Schaue diesen Film. Danach schreibe ich über den Film.

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ENAYIM SHELI (Chained) von Yaron Shani (Berlinale 2019)

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Rafi Malka ist Streifenbeamter in einer Einheit der Jugendpolizei. Seine ständige Überforderung wird zum Problem, als er nach einer Durchsuchung von Jugendlichen eines sexuellen Übergriffs bezichtigt wird. Auch zu Hause wird seine Situation immer angespannter, im Versuch seine pubertierende Stieftochter und die sich von ihm entfernende Ehefrau Avigail zu halten, spioniert er ihnen hinterher und setzt sie zunehmend unter Druck.

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10.02.19 16:30

GOSPOD POSTOI, IMETO I E PETRUNIJA (God Exists, Her Name is Petrunya) von Teona Strugar Mitevska (Berlinale 2019)

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Nicht noch ein aussichtsloses Job-Interview! Petrunija ist 32, unverheiratet, ein bisschen pummelig – und studierte Historikerin. Eine Arbeit findet sie in dem mazedonischen Kaff, in dem sie lebt, natürlich nicht. Die Mutter treibt sie dennoch immer wieder zu demütigenden Interviews, stopft sie ansonsten mit Essen voll, putzt sie gerne mal übelst herunter, und ermahnt sie sicherheitshalber, dem potentiellen Arbeitgeber gegenüber ihr Alter auf 24 herunter zu schrauben. Kein leichtes Los für Teona Strugar Mitevskas Hauptfigur in GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA. Aber: Irgendwann ist es genug, und der gestaute Frust der jungen Frau entlädt sich in einem spontanen Akt der Selbstbestimmung und Rebellion. Petunija springt ins kalte Wasser und schnappt sich ihr Glück.

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UT OG STJÆLE HESTER (Out Stealing Horses) von Hans Petter Moland (Berlinale 2019)

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Bäume. Bäume und Söhne. Söhne. Söhne und Pferde. Bäume. Bäume und Söhne. Bäume und Söhne und Pferde. Ein Wettbewerbsfilm. In Hans Petter Molands OUT STEALING HORSES geht es in der Tat um Väter und Söhne, um die Geschichte Norwegens im Zweiten Weltkrieg, um Schmerz, Verlust, Wut, Vergessen und Erwachsenwerden. Ja, auch um die Liebe. Das alles spielt in einer wunderschönen Gebirgs- und Flusslandschaft zwischen Norwegen und Schweden. Leider gibt es darüber schon einen Roman, wohl einen sehr guten, wie man hört, jedenfalls einen äußerst erfolgreichen. Pet Pettersons Vorlage für den Film. Eine ziemlich schlechte Idee ist es dann, Passagen aus dem Buch zu zitieren und sie mit den entsprechenden Bildern zu unterlegen. Doppelt gemoppelt wirkt bisweilen neutralisierend.

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SHOOTING THE MAFIA von Kim Longinotto (Berlinale 2019)

Spätestens seit Matteo Garrones „Gomorrha“ wurde auch einem großen Publikum die triste Realität der Mafia, die brutale Gewalt und soziale Verwahrlosung schonungslos vor Augen geführt und damit ein Kontrapunkt geschaffen zur traditionellen hollywoodesken Verklärung. Auch SHOOTING THE MAFIA zeigt schonungslos die brachiale, rücksichtslose Gewalt und das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen. Und zwar in Form der Fotos von Letizia Battaglia, die über Jahrzehnte die Morde der Mafia in Sizilien fotografisch festhielt.

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DER GOLDENE HANDSCHUH von Fatih Akin (Berlinale 2019)

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Um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist ein schwer erträglicher Film. Er zeigt rohe Gewalt, pervertierte sexuelle Brutalität und widerwärtigste Frauenverachtung. Das tut er auf eine Art, die abstoßen soll und, in der Tat, abstößt. Der Hamburger Regisseur Fatih Akin hat in DER GOLDENE HANDSCHUH die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka verfilmt, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk. Honka hatte in den 1970er Jahren in Hamburg mindestens vier Frauen gequält, vergewaltigt, ermordet und zerstückelt.

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DER BODEN UNTER DEN FÜßEN von Marie Kreutzer (Berlinale 2019)

Filmstill des Berlinale Wettbewerbsfilms der Boden unter den Füßen

Die verunsichernde Erkenntnis, dass zwischen sogenannter geistiger Gesundheit und einer diagnostizierbaren psychischen Erkrankung nur eine fragile Trennungslinie verläuft, steht im Zentrum des österreichischen Wettbewerbsbeitrags von Marie Kreutzer. Bereits die erste Szene markiert eindrucksvoll den Tenor des nun Folgenden: Wir sehen eine scheinbar friedlich schlafende junge Frau, die so abrupt und verstört aufwacht, als hätte sie in ihrer inneren Traumwelt Furchtbares erlebt.

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Alte Bekannte

Am Ticketcounter für Pressetickts werde ich mit "ahlan wasahlan" begrüßt, der nette Mensch hinter dem Counter erinnert sich an mich aus den letzten Jahren und dass ich ein wenig Arabisch spreche. "Tudo bem,"? frage ich zurück, denn auch ich erinnere mich natürlich an diesen netten Brasilianer. Nach so vielen Jahren festivalblog wird es immer familiärer...

QUERÊNCIA (Homing) von Helvécio Marins Jr. (Berlinale 2019)

Marcelo Sousa lebt im brasilianischen Hinterland von Minas Gerais. Hier ist das Leben völlig bestimmt vom bäuerlichen, einfachen Leben und der Rinderaufzucht. Marcelo ist traumatisiert, da er einen schweren Raubüberfall miterleben musste, bei dem die gesamte Rinderherde von professionellen Dieben mit Lastwagen abtransportiert wurde.

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09.02.19 9:00

SYSTEME K von Renaud Barret (Berlinale 2019)

Der erste Berlinale-Film und gleich ein Volltreffer: Renaud Barrets Film über Street Art-Künstler in Kinshasa ist atemberaubend und ermöglicht intime Einblicke in die kongolesische Hauptstadt. „Street Art“ klingt aber viel zu brav für die radikalen Kunstaktionen, die der Regisseur mitten in der chaotischen 13 Millionen Metropole begleitet.

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08.02.19 23:00

GRÂCE À DIEU (By the Grace of God) von François Ozon

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Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ist sein einigen Jahren ein Thema, über das endlich offen gesprochen wird. Inzwischen positioniert sich sogar der Vatikan dazu. François Ozon erzählt in GRÂCE À DIEU von einem Aufsehen erregenden Fall, der in Lyon seinen Anfang nahm und 2016 zur Anklage kam, aus der Perspektive der mittlerweile erwachsenen Opfer.

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DUST von Udita Bhargava (Berlinale 2019)

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Zwischen den Welten

Wie kann man ein so komplexes Land wie Indien verstehen? Wie kann man zumindest anfangen, es zu verstehen? Vor dieser Frage steht David, der Protagonist aus Udita Bhargavas Film DUST, ebenso wie die Regisseurin selbst. Der junge Deutsche begibt sich auf eine Spurensuche in Zentralindien – entlang den letzten Lebenszeichen seiner Ex-Freundin Mumtaz, einer aus Indien stammenden Fotografin, die kurz zuvor verstorben ist. An Malaria, wie es heißt.

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Interview zu DUST von Udita Bhargava (Berlinale 2019)

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Interview mit der Regisseurin Udita Bhargava

Wie kann man ein so komplexes Land wie Indien verstehen? Wie kann man zumindest anfangen, es zu verstehen? Vor dieser Frage steht David, der Protagonist aus Udita Bhargavas Film DUST ebenso wie die Regisseurin selbst. DUST ist der Abschlussfilm von Udita Bhargava an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Er läuft in der Perspektive Deutsches Kino. Festivalblog hat mit der 1982 in Indien geborenen Regisseurin gesprochen.

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07.02.19 20:15

THE KINDNESS OF STRANGERS von Lone Scherfig (Berlinale 2019)

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Was gehört zu einem Märchen im alten Grimmschen Sinn? Das Gute, das Böse der und Kampf zwischen den beiden. Der Bösewicht stellt die Guten vor eine Reihe von Prüfungen, die sie bestehen müssen, um dem Bösen zu entkommen. Genau diese archaische Form des Märchens hat Lone Scherfig für ihren Film THE KINDNESS OF STRANGERS gewählt, der die Berlinale 2019 eröffnete. Die Mutter Clara (Zoe Kazan) flieht mit ihren beiden Söhnen vor dem prügelnden Ehemann von Buffalo nach Manhattan. Sie verbreitet verzweifelten Optimismus und verkauft ihren Kindern die Flucht als Abenteuerreise. Aber sie hat keinen Plan, wie sie ihrer Situation entkommen soll.

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Berlinale 2019: Die Bären erwachen...

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...gaanz langsam aus ihrem Winterschlaf. Ein bisschen sehen sie noch so aus, als ob sie sich erst vorsichtig den Bärenmatzel aus den Äuglein wischen sollten, um den aufziehenden Glanz auf dem Potsdamer Platz auch angemessen würdigen zu können...

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06.02.19 16:22

Berlinale 2019: die Tasche

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Mindestens so wichtig wie die Berlinale-Filme ist die jährlich neue Berlinale-Tasche. 2019 gibt es Exemplare in grau und weiß. Eine neumodische Taschen-/ Rucksackcombi ist es. Hmm.

Berlinale 2019: Noch wird aufgebaut

Aufbauarbeiten am Potsdamer Platz einen Tag vor dem offiziellen Beginn der Berlinale

Einiges steht, vieles noch nicht. Aber morgen geht sie los, die 69. Berlinale. Lone Scherfigs Film THE KINDNESS OF STRANGERS wird das Festival eröffnen.

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