24.02.18 20:02

Bears

GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN FILM

TOUCH ME NOT von Adina Pintilie

Filmstill of the movie TOUCH ME NOT

SILBERNER BÄR GROSSER PREIS DER JURY

TWARZ von Małgorzata Szumowska

Still of the movie TWARZ

SILBERNER BÄR ALFRED-BAUER-PREIS

LAS HEREDERAS von Marcelo Matinessi

Filmstill for the movie LAS HEREDERAS

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE

Wes Anderson für die Regie von SLE OF DOGS

Still of ISLE OF DOGS

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE DARSTELLERIN

Ana Brun für ihre Rolle in LAS HEREDERAS von Marcelo Matinessi

Filmstill for the movie LAS HEREDERAS

SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN DARSTELLER

Anthony Bajon für seine Rolle in LA PRIÈRE von Cédric Kahn

Still of the movie LA PRIÈRE

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Wer fängt den Bären?

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Der visuelle Pressespiegel zeigt ein sehr durchmischtes Bild: zu fast gleichen Teilen gab es Lieblinge, Ärgernisse und Mittelmaß. Doch wer wird die Bären-Preise heute in den Händen halten? Wir tippen.

Preise der Unabhängigen Jurrys

PANORAMA PUBLIKUMSPREIS

Spielfilm: Profile von Timur Bekmambetov

Dokumentation: The Silence of Others von Robert Bahar und Almudena Carracedo

AMNESTY INTERNATIONAL FILMPREIS

Zentralflughafen THF von Karim Aïnouz

PREISE DER ÖKUMENISCHEN JURY

Wettbewerb: In den Gängen von Thomas Stuber

Panorama: Styx von Wolfgang Fischer

Forum: Teatro de guera von Lola Arias

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IN DEN GÄNGEN von Thomas Stuber (Kritik 1, Berlinale 2018)

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Endlich! Ein Film, der alles richtigmacht. Vor allem, ein Film, der es am Ende nicht verreißt. In der Geschichte gibt viele Möglichkeiten, ein großes Drama zu entfachen. Doch IN DEN GÄNGEN bleibt eben dort. Regisseur Thomas Stuber opfert seine Figuren nicht einem oberflächlichen Effekt, sondern begleitet sie mit großer Sensibilität.

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IN DEN GÄNGEN von Thomas Stuber (Kritik 2, Berlinale 2018)

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Ihr wollt einen Liebesfilm? Ihr kriegt einen Liebesfilm! Einen Film, den Ihr liebt

Frage: Was ist erotischer? Gabelstapler oder Süßwaren? Antwort: Kommt drauf an. Ein Gabelstapler ist ein geiles Teil. Wer am Steuer sitzt, hat die Macht über seinen Teil der Gänge im Supermarkt. Wenn bei den Süßwaren aber Marion (Sandra Hüller) die Regale einräumt, dann definitiv die Süßwaren. Das jedenfalls denkt sich Christian (Franz Rogowski), der in dem Supermarkt irgendwo in der Provinz in Neufünfland einen neuen Job als Lagerarbeiter anfängt. Christian hat Supermärkten im Allgemeinen und vom Gabelstaplerfahren im Besonderen keine Ahnung. Aber das macht nichts. Alles was er wissen muss, bringt ihm Bruno (Peter Kurth) bei. IN DEN GÄNGEN ist ein deutscher Liebesfilm. Ein sehr, sehr guter deutscher Liebesfilm, der Chancen auf wirklich jeden Bären hat. Es ist nicht zu fassen.

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TOUCH ME NOT von Adina Pintilie (Berlinale 2018)

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Was fühle ich? Was fühlst du?

Touch me not – Please touch me. Das sind die beiden Pole zwischen denen die Themen Intimität und Sexualität und Verletzlichkeit/Unverletzlichkeit der eigenen Person in Adina Pintilies TOUCH ME NOT verhandelt werden. Was ist unser Bild unseres eigenen Körpers, was ist das Bild anderer Körper, die wir begehren? Wo setzen wir Grenzen für intime Interaktion und Sexualität? Wollen wir diese Grenzen verschieben? Und wenn ja, wir können wir das tun? TOUCH ME NOT ist berührend und formal herausragend. Ich wünsche der Jury den Mut zum Bären – möglichst zum goldenen, zur Not auch den silbernen für den Großen Preis der Jury. Traut Euch, bitte!

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23.02.18 16:04

PARTISAN von Matthias Ehlert, Lutz Pehnert und Adama Ulrich (Berlinale 2018)

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Ich habe lange in Berlin gelebt. Es war die Hochzeit der Castorf-Ära. Ich war an der Volksbühne bei Schlingensief Events oder Kitty-Yo Konzerten, aber nie bei einer der sagenumworbenen Theater-Inszenierungen. Jetzt würde ich gerne.

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OUR HOUSE von Yui Kiyohara (Berlinale 2018)

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Ein zwölfjähriges Mädchen lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Städtchen am Meer. Die beiden sind ein gut eingespieltes Team und haben sich in ihrem alten Holzhaus mit Papierwänden und Schiebetüren gemütlich eingerichtet. Als die Mutter ankündigt, wieder heiraten zu wollen, kommen Spannungen auf. Eine junge Frau wacht verwirrt an Bord einer Fähre auf – sie weiß nicht, wer sie ist und woher sie kommt. Eine andere junge Frau nimmt sich ihrer an, führt sie zu sich nach Hause – und es ist dieselbe Wohnung, in der auch die Mutter mit ihrer Tochter lebt. Von nun an werden beiden Geschichten parallel erzählt.

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ONDES DE CHOC – JOURNAL DE MA TÊTE von Ursula Maier (Berlinale 2018)

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Ein Teenager erschießt aus dem Nichts heraus seine Eltern und stellt sich dann der Polizei. Zuvor hat er seine Tat minutiös geplant und ein umfangreiches Tagebuch der letzten Woche vor dem Mord geführt. Dieses lässt er seiner Lehrerin per Post zukommen. Ursula Maier hat ONDES DE CHOC, „Schockwellen“, für das Schweizer Fernsehen gedreht – als einen von vier Filmen über reale Verbrechen. Dabei macht sie alles richtig: Vieles wird hier nicht erklärt, vieles nicht gezeigt.

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TWARZ von Małgorzata Szumowska (Berlinale 2018)

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Vor drei Jahren gewann die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska für BODY den Silbernen Bären für die Beste Regie. Mit TWARZ ist sie in diesem Jahr wieder im Wettbewerb vertreten und liefert eine böse Farce auf die bigotte polnische Gesellschaft ab. Jacek, ein junger Dorfrebell, der seine langen Haare, seine Verlobte und Heavy Metal liebt, ist nach einem Unfall so entstellt, dass er eine Gesichtsplantage benötigt. Von da an wenden sich alle von ihm ab – die Freundin, die Bekannten, sogar die eigene Mutter. Die Medien vermarkten Jaceks Schicksal, auch die Dorfgemeinschaft scheint zunächst helfen zu wollen, aber das Interesse ist nicht von Dauer. In grotesk überzeichneten Szenen wird die Verlogenheit und Eiseskälte dieser erzkatholischen Gemeinde gezeigt, die zwar stolz auf ihre aus Spenden finanzierte monumentale Jesus-Statue sind – auf deren Baustelle Jacek verunglückt ist –, aber nicht einmal das bisschen Geld aufbringt, um die Familie bei den medizinischen Kosten zu unterstützen. Letztlich macht die Regisseurin aber viel zu wenig aus ihrem Stoff. Dem Film geht irgendwann die Puste aus. Da haben wir in der Tat schon Besseres und Packenderes von ihr gesehen.

Foto: © Bartosz Mronzowski

O PROCESSO (The trial) von Maria Augusta Ramos (Berlinale 2018)

Venceremos! Das politische Kino lebt

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Nach einer Woche kommt es doch noch: Mein umwerfendes Berlinale-Erlebnis. Mit viel Glück bekomme ich in letzter Minute noch eine Karte für die Weltpremiere von „O Processo“, dem Dokumentarfilm über die Amtsenthebung der brasilianischen Präsidentin Dilma Roussef von Maria Augusta Ramos.

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22.02.18 21:56

MUSEO von Alonso Ruizpalacios (Berlinale 2018)

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Wenn man in der Familie nur „Zwerg“ genannt wird und wenn die Eltern und Geschwister einen auch sonst nicht ganz für voll nehmen, ist es naheliegend, irgendwann einen richtigen Knaller landen zu wollen. Um – vor allem sich selbst – zu beweisen, dass man kein totaler Loser ist. Juan hat genau dieses Problem. Und er hat ein richtig großes Ding vor: den Maya-Saal des Nationalmuseums für Anthropologie in Mexiko-Stadt auszuräumen.

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THE BEST THING YOU CAN DO WITH YOUR LIFE von Zita Erffa (Berlinale 2018)

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Die Legionäre Christi ist eine südamerikanische Version von Opus Dei. Eine christliche Bewegung, ein Orden. Andere würden sagen Sekte. Der Bruder der Filmstudentin und Regisseurin Zita Erffa hat sich den Legionären angeschlossen. Seitdem gibt es ein sehr restriktives Kontaktverbot. Die Familie darf Lázló höchstens einmal pro Jahr sehen. Briefe werden vom Orden mitgelesen. Unerwartet bekommt die Regisseurin nicht nur die Erlaubnis ihren Bruder länger zu besuchen, sondern auch sein Leben im Orden filmen. Ich erwarte einen Enthüllungsfilm.

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Der Sohn des Rabbis im japanischen Fischerdorf

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Berlinale, Tag drei. In der S-Bahn auf dem Weg zum Festivalgelände klage ich meinem Berlinale-Freund mein Leid: zu viele Filme, zu wenig Zeit! In ungebremstem Redefluss zähle ich die cineastischen Preziosen auf, die ich eigentlich alle an dem Tag anschauen möchte. Gemeinerweise überschneiden sich die Vorführzeiten. Wie soll man sich entscheiden zwischen einem Wettbewerbsfilm mit Hunden, einem Stummfilm aus den 1920er Jahren, in dem der Sohn des Rabbi einer Schauspielerkarriere wegen aus dem Schtetl flieht, einer Schwarzweiß-Doku über ein abgelegenes japanisches Fischerdorf, und der Geschichte einer aufmüpfigen Abitur-Klasse, die sich 1956 in der DDR mit dem Ungarnaufstand solidarisiert…? Ach herrje! Ich hole tief Luft, seufze, schaue meinen Berlinale-Freund an, der mir doch bitteschön aus diesem Dilemma heraushelfen möge.

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RYUICHI SAKAMOTO: ASYNC AT THE PARK AVENUE ARMORY

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Natürlich ist es ein Film über die Musik. Viel spannender fand ich es aber, in die Gesichter der Zuhörer zu schauen. Manche andächtig oder konzentriert, andere abwesend und indifferent. Sie spiegeln uns als Zuschauer im Kinosaal. Konzentration wäre auch hier gut. Ich rutsche eher unruhig auf meinen Sitz hin und her. Wie bei vielen Filmen auf der Berlinale sollte man ausgeschlafen sein. Ein nicht zu lösender Widerspruch. Auch wenn der Film nur 65 Minuten dauert, durchlebe ich ihn sehr intensiv.

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Berlinale goes Kiez (Berlinale 2018)

Hier wird der Rote Teppich noch selbst verlegt

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Wenn der Kiezbewohner nicht zur Berlinale kommt, dann geht die Berlinale eben zum Kiezbewohner. Nach diesem Motto ist das schöne Programm „Berlinale goes Kiez“ entstanden. Die Idee: An sieben Abenden werden in sieben ausgewählten Kiezkinos Filme aus dem Berlinale-Programm gezeigt – und zwar queerbeet durch die Sektionen. Ein kleines mobiles Team bewaffnet mit mobilen Scannern, professioneller Beleuchtung, einem Stück Roten Teppich, jeder Menge Plakaten, guter Laune und Energie zieht von Kino zu Kino, von Kiez zu Kiez, um einen Hauch von Berlinale nach Kleinmachnow, Neukölln oder Adlershof zu bringen. Im Filmkunst 66 wurde der (Einweg-)Teppich in Berlinale-Rot übrigens zwei Stunden vor Beginn der Vorstellung von Team und Kinobetreiber eigenhändig und gemeinsam verlegt. Vor neugierigem Publikum selbstverständlich.

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MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT von Philip Gröning (Berlinale 2018)

Das große Labern, oder: Die Zwei von der Tankstelle

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Ein Wochenende im Sommer. Süddeutsche Provinz. Felder, Wiesen, eine Landstraße. Mitten im Nichts eine Tankstelle. Elena, blond und zierlich, hat am Montag Abiturprüfung in Philosophie. Robert, groß und schlaksig, ist ihr Zwillingsbruder. Er soll ihr beim Lernen helfen. Die Hitze flimmert, die Insekten zirpen, die Geschwister stapfen durch die Wiese und lassen sich mit Sicht auf die Tankstelle nieder. In gedrechselten Sätzen werden Zitate und Gedanken von Heidegger, Plato, Nietzsche und den anderen Jungs aus der Band wie Ping Pong Bälle hin- und hergespielt. Sie fragt. Er erklärt. Zum Beispiel die Gegenwärtigkeit von Zeit anhand einer zerbrochenen Bierflasche. Das hat bisweilen etwas von Philosophie für Erstsemester. Recht ambitioniert und letztlich zu gewollt, um charmant zu sein. Ergänzt werden diese Lehrstunden immer wieder durch kleine Machtspielchen, in denen die Geschwister diverse Zickigkeiten und Spannungen miteinander aushandeln. Das wird so harmlos nicht bleiben.

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Weltpremiere in Berlin Ost: PARTISAN (Berlinale 2018)

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Von links: Regisseur Lutz Pehnert, Volksbühnen Souffleuse, Alexander Scheer, Herbert Fritsch, Henry Hübchen und Regisseurin Adama Ulrich

Das Kino International ist für Berlin Filme der beste Ort. Es hat Leben. Es atmet. Im Saal mischen sich Film-Menschen, gefilmte Menschen und Menschen, die zuschauen. Oft teilen sie eine gemeinsame Geschichte. An Abenden wie heute ist Kino noch Kollektiverfahrung. Man lacht gemeinsam, schweigt oder applaudiert an den gleichen Stellen. Oder vergießt auch hier und da eine Träne.

PARTISAN ist ein Film über die Volksbühne. Er wurde sehr gefeiert. Es ist eine Hommage, ein Nachhall des Schlussakkords. Mehr zum Film später.

21.02.18 22:24

L´ANIMALE von Katharina Mueckstein (Berlinale 2018)

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Die österreichische Regisseurin Katharina Mückstein erzählt in ihrem Film L´ANIMALE von jener Zeitspanne im Leben junger Menschen, die zwischen dem Abitur und dem Verlassen des Elternhauses liegt und die geprägt ist von der Ahnung, das irgendwo da draußen ein anderes und spannenderes Leben warten könnte. In Mücksteins Film findet dieser ohnehin nicht leichte Lebensabschnitt erschwerend auch noch in der Provinz in Österreich statt, in einer ländlichen Umgebung, die außer der Dorfdisko und einer gelegentlichen Kinoveranstaltung für jugendlichen Lebenshunger nur wenig Außenreize bietet.

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KHOOK von Mani Haghighi (Berlinale 2018)

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Gib den kotzenden Kakerlaken Zucker

In der iranischen Filmszene treibt ein Serienkiller sein Unwesen, ein sehr unangenehmer noch dazu (mal angenommen, dass es angenehme Serienkiller gibt): Er pflegt seine Opfer zu köpfen. Darüber hinaus ist der Mörder auch noch wählerisch. Bisher hat er ausschließlich Regisseure heimgesucht. All das hebt die Laune von Star-Regisseur Hasan nicht gerade und die ist ohnehin schlecht. Denn er steht auf der staatlichen Blacklist, darf keine Filme mehr machen und hält sich mit Werbespots für Kakerlakenvernichtungsmittel über Wasser. Als der Killer immer wieder zuschlägt, hat Hasan noch einen weiteren Grund für seine schlechte Stimmung: Natürlich ist er froh, dass er noch lebt. Aber ist er, verdammt nochmal, etwa nicht prominent und wichtig genug, um ein lohnendes Opfer zu sein?

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THE GREEN FOG von Guy Maddin, Evan + Galen Johnson (Berlinale 2018)

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Bilderjagd mit Hitchcock, Karl Malden und den Bodysnatchern

Jemand dreht an einem Knopf von „Talk“ auf „Listen“, trotzdem geht es um Bilder nicht um Sprache. Und diese Bilder haben einen Sog, der für die nächsten gut 60 Minuten unwiderstehlich ist. Ich bin selten einem Film so gebannt gefolgt wie diesem. Guy Maddin und Evan und Galen Johnson haben eine Art Riff (oder vielleicht auch eine Meditation) auf Alfred Hitchcocks VERTIGO gemacht – mithilfe von found footage aus Filmen, die ausnahmslos in San Franciscos Bay Area spielen. Filme aus rund 80 Jahren, Kinofilme, Fernsehfilme. Szenen werden in schneller Folge aneinander montiert, eine Verfolgungsjagd über Dächer, ein abbiegendes Auto, eine Umarmung. Das ist das visuelle Pendant zum Scratching eines DJs im frühen Hip Hop. Und keine Angst, diese Technik nervt nicht und sie macht es unmöglich, den Blick abzuwenden.

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20.02.18 23:29

DON’T WORRY, HE WON’T GET FAR ON FOOT (Berlinale 2018)

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John Callahan ist ein ziemlich bekannter Cartoonist. Er war für seinen schwarzen Humor bekannt und saß außerdem im Rollstuhl. John Callahan ist seit acht Jahren tot. Und nun hat Gus Van Sant einen Film über John Callahan gedreht. Gus Van Sant hat früher viele tolle Filme gedreht. In denen kamen oft ganz schräge, kaputte Typen vor. Die Filme waren schwierig anzuschauen, aber toll. Der neue Film ist nicht so toll. Weil er eine ziemlich schräge Geschichte in einen ganz braven Rahmen mit Happy End presst. Damit alle sich über das Ergebnis freuen können. Das passt irgendwie nicht. Außerdem hat Joaquin Phoenix, der John Callahan spielt, eine ganz komische, karottenfarbige Perücke auf. Die ist hässlich und sieht außerdem falsch aus. Und er ist mindestens 20 Jahre zu alt für die Rolle.

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AGGREGAT von Marie Wilke (Berlinale 2018)

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Aggregat, das: (Technik) Satz von zusammenwirkenden einzelnen Maschinen, Apparaten und Teilen besonders in der Elektrotechnik. Das ist eine Definition des Deutschen Universalwörterbuchs. AGGREGAT von Marie Wilke zeigt das Zusammenwirken einzelner Teile und Apparate, und zwar der gesellschaftlichen Teilen, Apparate und Institutionen, die den Zustand unserer Demokratie bestimmen: Informationsveranstaltungen im Reichstag, ein „Gespräch am Küchentisch“ der SPD mit Bürgern in Meißen, Redaktionskonferenzen der BILD und der taz in Berlin und öffentliche Veranstaltungen der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) und vieles mehr. Die nie offen gestellte Frage des Films ist: Wie sieht es aus mit dem Zustand unserer Demokratie?

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Ooh, aah, ooh – OPIUM! (Berlinale 2018)

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Die Gefahr lauert überall. Zunächst natürlich im Weibe. Aber gerne auch in fernen, exotischen Ländern. Die Menschen dort haben nämlich ein böses Gift erfunden, das brave europäische Ärzte und Familienväter ruckzuck zu sabbernden Schatten ihrer selbst macht: das Opium. Wenn dann noch ein rachsüchtiger Chinese ins Spiel kommt, sollte man um das Glück der Menschheit bangen. So in etwa lässt sich die Quintessenz von Robert Reinerts Stummfilm OPIUM aus dem Jahr 1919 in ein paar Sätzen zusammenfassen. Doch nicht allein diese bemerkenswerte Verdrehung historischer Tatsachen, was das Opium und seine Verbreitung angeht, macht diesen Film für uns heute so spannend. OPIUM befremdet uns gleich in mehrfacher Hinsicht. So ist es absolut erhellend zu sehen, wie völlig selbstverständlich hier offen rassistische, stereotype Darstellungen des hinterlistigen Chinesen oder des treuen indischen Dieners auf die Leinwand gebracht wurden. Zudem wird hier die große Theatralik der Stummfilm-Ära nach allen Regeln der Kunst ausgespielt – große Gesten der Verzweiflung (einfacher Diadem-Griff, doppelter Diadem-Griff), hinterlistig gerollte Augen, vor Sehnsucht der Liebsten entgegengestreckte Arme. Wenn man sich darauf einlässt, hat das durchaus etwas für sich. Für das heutige Publikum ist das alles natürlich in erster Linie ein ernst zu nehmender Angriff auf das Zwerchfell.

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Presseticket-Counter, 7:30 Uhr (Berlinale 2018)

Malle ist überall

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Wir alle haben das Bedürfnis, uns einen möglichst guten Platz im Leben zu sichern. Auf Mallorca und anderswo geschieht das mit Handtüchern, die schon vor dem Frühstück strategisch geschickt am Hotelpool platziert werden. Auf der Berlinale treibt diese Revier-Markierungs-Manie ihre ganz eigenen Blüten. Eine halbe Stunde vor Öffnung des Presseticket-Schalters liegen dort schön einsam, aber Autorität gebietend, drei Rucksäcke und diverse Jacken in der Schlange. Ihre Besitzer sind beim Kaffeetrinken um die Ecke. Filmjournalisten sind eben auch nur Spießer.

APATRIDE (STATELESS) von Narjiss Nejjar (Berlinale 2018)

Das Make-up sitzt, aber wir sind doch nicht bei Marokkos next Topmodel

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Der Film beginnt mit Nahaufnahmen einer wunderschönen Frau am Strand. Die Haare aufwendig gestylt, das Make-up sitzt perfekt, die Wimpern sind beeindruckend lang. „Sind die echt?“, ist die erste Frage die mir bei dem Film durch den Kopf schießt.

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19.02.18 20:15

3 TAGE IN QUIBERON Von Emily Atef (Berlinale 2018)

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Schönes, spannungsloses Kammerspiel

Die Geschichte des Interviews des Stern-Journalisten Michael Jürgs mit Romy Schneider im April 1981 ist seit der Erstveröffentlichung schon oft erzählt worden. Nicht zuletzt vom Stern selbst anlässlich von Romy-Schneider-Geburtstagen mitsamt den Schwarz-Weiß-Fotos von Robert Lebeck. Die drei Tage an der Bretagne-Küste sind auch Teil von Dokumentarfilmen und zahlreichen Zeitungsartikeln. Im Zeitalter des Internets lässt sich das alles mit wenigen Klicks finden. In DREI TAGE IN QUIBERON macht Emily Atef daraus ein hervorragend besetztes Kammerspiel in mit schön-melancholischen Bildern, selbstverständlich auch in schwarz-weiß.

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MATANGI/MAYA/M.I.A von Steve Loveridge (Berlinale 2018)

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Ein Lebensweg wie aus einem Märchen, eine britische Rap-Künstlerin mit tamilischen Wurzeln und einem eigenen Musikstil, der erfolgreich eine neue Art der Popmusik mit politischen Botschaften mischt, eine Menschenrechtsaktivistin, die mutig ihre Meinung sagt und sich mit dem Kampf der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung in Sri Lanka solidarisiert, ein Superstar, der zusammen mit Madonna in den USA aufgetreten ist und mit einem Milliardär verlobt war, all das trifft zu auf M.I.A.

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MINATOMACHI von Kazuhiro Soda (Berlinale 2018)

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Du bist zur Ausstellungseröffnung eines Freundes eingeladen. Du schaust dir die Kunstwerke an. Dann kommt der Moment. Dein Freund hat Zeit gefunden. Er steht neben Dir. Ihr unterhaltet Euch. Es arbeitet in Dir. "Ich muss jetzt irgendetwas zu seiner Kunst sagen.…Super?... Großartig? … Geht gar nicht. Ist doch Kunst." Warum muss man zu allem und jedem eine Meinung haben? Insbesondere zur Kunst? Oder zu Filmen? Fragt mich also bitte nicht:

"Wie fandst Du MINATOMACHI ?"

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DIE DEFEKTE KATZE von Susan Gordanshekan (Berlinale 2018)

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Arrangierte Ehen gehen oft nicht gut. Heirat aus Liebe geht aber auch oft nicht gut. Offene Partnerschaften enden dann auch so. Liebe ist kompliziert. Zusammen wohnen, zusammen arbeiten ist auch nicht einfach. Jede engere und auf längere Zeit ausgelegte Interaktion zwischen zwei Menschen ist ein Prozess mit viel Arbeit. Es gibt vier Phasen im Teambuilding: Warming, Storming, Norming, Performing. Das kann man auch auf die Liebe anwenden, zumindest was unter "Partnerschaft" läuft. Hört sich nicht schön an, passt aber.

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DER HIMMEL AUF ERDEN von Reinhold Schünzel und Alfred Schirokauer

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Wenn ausgerechnet der frisch gebackene Präsident des Berliner Sittlichkeitsvereins ein verrufenes Nachtlokal erbt, dann geht es hoch her! Dem Abgeordneten Bellmann passiert just an seinem Hochzeitstag genau dies. In Reinhold Schünzels und Alfred Schirokauers wunderbarer Stummfilm-Komödie DER HIMMEL AUF ERDEN (1927) zeigt das Weimarer Kino auf der Berlinale Screwball-Kunst in höchster Qualität. Bei all den Irrungen und Verwirrungen bleibt kein Auge trocken. Der überschäumende Witz und die unbändige Energie dieses Films, seine feine Situationskomik und großartige Figurenzeichnung, der Sinn fürs perfekte Timing und viele herrlich verrückte Regie-Einfälle machen DER HIMMEL AUF ERDEN zu einem echten Genuss. Schünzel, der sowohl im Filmgeschäft als auch auf der Bühne versiert war, spielt dabei die Hauptrolle gleich selbst. Und zeigt, Jahrzehnte vor Billy Wilder, wie man eine falsche Fummeltrine effektiv in einer Komödie einsetzt.

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L'EMPIRE DE LA PERFECTION von Julien Faraut (Berlinale 2018)

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Der Wutvulkan spuckt rote Asche

Julien Faraut hat einen Dokumentarfilm über John McEnroe und über die Perfektion des Tennis gedreht. Bis auf die beiden Namen stimmt an diesem Satz nichts. Es geht nicht um Perfektion, es geht nicht um Tennis im eigentlichen Sinne und Julien Faraut hat weite Teile des Films auch nicht selbst gedreht, sondern 16mm-Material verwendet, das Gil de Kermadec in den 80er Jahren bei den French Open gedreht hat. Obwohl L'EMPIRE DE LA PERFECTION ein faszinierender Sportfilm ist, bleibt dann noch die Frage, ob es eine Dokumentation ist. Denn eigentlich ist es ein großes Drama, eine große: Ein Mann im Kampf gegen mächtige Gegner – den Kontrahenten auf der anderen Seite des Netzes, die Linienrichter, den Schiedsrichter, die Umstände – den Platz, die Linien und nicht zuletzt gegen sich selbst.

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18.02.18 20:39

FIGLIA MIA von von Laura Bispuri (Berlinale 2018)

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Die moralische Vernichtung ist eine Option

Die 10-jährige Vittoria (Sara Casu) steht zwischen zwei Frauen – eine unmögliche Situation. Zumal Tina (Valeria Golino) und Angelica (Alba Rohrwacher) ihre Mütter sind und sie ihre leibliche Mutter Angelica erst vor wenigen Tagen kennengelernt hat. Laura Bispuri zeigt in ihrem zweiten Film eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung in einem bitterarmen Fischerdorf auf Sardinien.

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303 von Hans Weingartner (Berlinale 2018)

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Jule und Jan begegnen sich zufällig an der Autobahnraststätte. Jule ist mit ihrem Wohnmobil (ein umgebauter Mercedes-Bus 303) unterwegs zu ihrem Freund nach Portugal. Jan trampt und steigt zu. Er ist auf dem Weg zu seinem leiblichen Vater in Spanien, den er nie kennengelernt hat. Eigentlich will er nur bis Köln mitfahren, aber die beiden kommen sich näher und - Überraschung - verlieben sich.

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EVA von Benoit Jacquot (Berlinale 2018)

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Callboy mit hungrigem Blick bekommt durch eine (zumindest für ihn) günstige Fügung, die eine Badewanne involviert, das Leben eines talentierten Stückeschreiber geschenkt. Doch das angenehme Dasein im falschen ist nicht ohne Tücke. Die Pariser Theaterszene dürstet es nach einem zweiten Stück. Durch einen weiteren Zufall trifft der junge Mann auf die Edelprostituierte Eva, die ihn gleich mal k.o. schlägt. Von da an ist der junge Mann entflammt und will, dass Eva sich in ihn verliebt. Aus ihrer Begegnung will er Inspiration für sein neues Stück ziehen. Und vor allem: Er will sie, die der Welt ebenfalls mit einer Maske gegenübertritt, kontrollieren.

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LA PRIÈRE von Cédric Kahn (Berlinale 2018)

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Der 22-jährige Thomas kommt zum Heroin-Entzug in die französischen Alpen. Hier kümmert sich eine katholische Gemeinschaft darum, jungen Menschen einen Weg zurück ins drogenfreie Leben zu ermöglichen: Mit harter Arbeit, Demut und einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl, mit Glauben, Liebe und Gebeten. Regisseur Cédric Kahn folgt dem jungen Mann ein gutes Jahr auf seinem Weg – es werden so ziemlich alle prototypischen Stationen eines glaubensbasierten Entzugs durchgespielt: von anfänglichem zornigen Schweigen, über Täuschung und offene Rebellion, Eingewöhnung und Rückfall, bis hin zum Erweckungserlebnis und eigenständiger Entscheidung. Dabei enthält sich der Film weitgehend jeglichen Kommentars. Kritik an der Sinnhaftigkeit eines solchen Entzugs wird nur indirekt deutlich. Wir als Zuschauer müssen uns unser eigenes Urteil bilden.

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DOVLATOV von Alexey German Jr. (Berlinale 2018)

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Sowjetunion, bleierne Zeit, 1971. Leonid Breschnew ist, wenn er nicht gerade einen Auftritt in den absurden Träumen des Schriftstellers Sergei Dovlatov hat, damit beschäftigt, den Hauch von Frühlingsluft zu verscheuchen, der sich in den Jahren zuvor bemerkbar gemacht hat. Darunter leiden besonders jene Freigeister – Schriftsteller, Maler und Dichter gleichermaßen –, die „echte“ Künstler sein wollen und nicht Handlanger der Staatspropaganda. Wer feinsinnige Gedichte schreibt wie Joseph Brodsky oder ironische Geschichten wie Dovlatov, der hat schlechte Karten, überhaupt publiziert zu werden. Gefragt sind stattdessen Loblieder auf die Steigerung der Kohleproduktion. Das verschneite, graue Leningrad bereitet sich im November 1971 auf die großen Staatsfeierlichkeiten zu Ehren der Revolution vor. Zugleich diskutiert ein Grüppchen Dissidenten in einem fort die Frage: Wie kann ich in diesem System sein, der ich sein möchte – oder muss ich dafür fortgehen?

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Fikkefinken: CASANOVAGEN von Luise Donschen revisited

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Ein Käfig, zwei Finken, zwei Stangen. Um genauer zu sein, ein Käfig, eine Finkenfrau, ein Finkenmann und zwei Stangen - eine waagerechte Stange zum Sitzen links, eine waagerechte Stange zum Sitzen rechts. Als das Finkenpaar in den Käfig gelassen wird, ist die Aufregung bei Frau und Mann groß. Verständlich. Wer wird schon gerne ungefragt mit einem Angehörigen, einer Angehörigen des anderen Geschlechts in einen Käfig gesperrt?

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MORGEN BEGINNT DAS LEBEN von Werner Hochbaum (Berlinale 2018)

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Was für ein Wunder es doch eigentlich ist, wenn uns Kinogeschichten und Filmfiguren zutiefst berühren, obwohl sie aus einer anderen Epoche zu uns sprechen! In Werner Hochbaums MORGEN BEGINNT DAS LEBEN aus dem Jahr 1933 ist es das Schicksal eines jungen Geigers, der nach fünf Jahren Gefängnis wieder freikommt und um die Liebe seiner Frau bangen muss. Der Mann irrt durch Berlin, seine Zerrissenheit spiegelt sich in Bildern und Tönen der lärmenden, bedrängenden, einsam machenden Großstadt wider, die eindeutig am Expressionismus geschult wurden. Der Konflikt der Protagonisten wird mit den filmischen Mitteln der Avantgarde zugespitzt und für die Zuschauer intensiv erlebbar gemacht. In einer anderen, sehr starken Szene vereinen sich die höhnischen Kommentare der Nachbarn zu einem fanatischen Chor der Gehässigkeit – verzerrte Fratzen, geflüstertes Gift, anklagend zeigende Finger verdichten sich zu einer alptraumartigen Sequenz.

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17.02.18 23:30

THE BOOKSHOP von Isabel Coixet (Berlinale 2018)

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© the producers / Lisbeth Salas

"You are never alone in a bookshop". Das ist das Motto der jungen Witwe Florence Green, die sich in den fünfziger Jahren in der englischen Provinz im Küstendorf Hardborough gegen den Widerstand einiger Anwohner ihren Traum von einer eigenen Buchhandlung erfüllt. Schon bald nach der Eröffnung des Buchladens verändert sich durch seine Inhaberin und ihr literarisches Angebot das Leben der Leute im Dorf.

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THE WALDHEIM WALTZ von Ruth Beckermann (Berlinale 2018)

Nicht nur Waldheims Walzer

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Natürlich, die Geschichte ist bekannt. Die von Kurt Waldheim, die eng mit der österreichischen Umdeutung der eigenen Geschichte zusammenhängt: Der Narrativ von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus. Und obwohl das hinlänglich bekannt ist, lösen die Bilder, die Ruth Beckermann zusammenträgt, Kopfschütteln aus.

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TRANSIT von Christian Petzold (Berlinale 2018)

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In TRANSIT erzählt Christian Petzold eine einfache Geschichte: Georg (Franz Rogowski) flieht vor den deutschen Besatzern gemeinsam mit seinem schwerverletzten Freund Heinz von Paris nach Marseille. Heinz überlebt die Flucht nicht. In seiner Tasche hat Georg die Dokumente und ein Manuskript des Autors Weidel, der sich in Paris das Leben genommen hat. In Marseille trifft er den kleinen Sohn von Heinz und seine Mutter. Und er trifft Marie (Paula Beer). Georg steht vor einer Frage: Wie kann er aus Marseille entkommen, bevor die deutschen Truppen die Hafenstadt erreichen und wen kann er retten? Diese Handlung, die so einfach klingt, ist nicht nur Ausgangspunkt eines Liebesdramas. Petzolds Film, der auf dem Roman Transit beruht, den Anna Seghers 1942 in Marseille schrieb, handelt auch von dem Unterschied zwischen Erinnertem, Erzähltem und Erlebten.

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CASANOVAGEN von Luise Donschen (Berlinale 2018)

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Begehren, Verführung, Lust, Kontrolle, Geschlechterrollen - menschliches Verhalten und erst Recht menschliche Beziehungen sind kompliziert. Wo Vögel nur vögeln, (und so simpel ist es auch nicht, wie uns ein Evolulionsbiologe erklärt) ist bei uns Menschen jede Geste mit Bedeutung aufgeladen.

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THE HAPPY PRINCE von Rupert Everett (Berlinale 2018)

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In seinen letzten Lebensjahren war der große, der geistreiche, der vor Esprit sprühende Oscar Wilde nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Schriftsteller war 1895 wegen homosexueller „Unzucht“ zu zwei Jahren Zuchthaus mit harter Zwangsarbeit verurteilt worden. Danach war er ruiniert: körperlich, finanziell, gesellschaftlich und seelisch. Sich als Regisseur auf diese letzten Jahre zu konzentrieren, die Wilde unter falschem Namen im französischen und italienischen Exil verbrachte, erfordert Mut. Was Wilde-Fans so sehr an Wilde lieben, ist hier nur noch in Anklängen vorhanden. Die freche Leichtigkeit, die lässige Eleganz und die spitzen aber gut gelaunten Bonmots sind einem bitteren Sarkasmus gewichen. Der bislang vor allem als Schauspieler bekannte Rupert Everett hatte diesen Mut. Und nicht nur das: Er spielt bei seinem Debüt als Spielfilmregisseur auch gleich die Hauptrolle selbst. Man kann ihn dazu nur beglückwünschen. THE HAPPY PRINCE ist ein rundum gelungener, schonungsloser und ehrlicher Film über einen Menschen, der von der Verlogenheit der Gesellschaft und seinen eigenen Dämonen vernichtet wird.

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16.02.18 22:11

DAMSEL von David und Nathan Zellner (Berlinale 2018)

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Es hätte so schön sein können. Robert Pattinson als tollpatschiges Greenhorn, das seine Verlobte aus den Fängen eines bösen Entführers befreien will und dafür einen falschen Priester anheuert. Und dann ist plötzlich alles ganz anders als gedacht. Versprochen wurde uns eine rasante Western-Parodie. Geliefert wurde eine peinliche Möchtegern-Satire. Die Witze zünden nicht. Die Slapsticks sind bemüht. Der Ton schwankt ständig zwischen schwarzhumorig und dann doch wieder irgendwie ernst gemeint. Zum Verzweifeln. Und zwar lange 113 Minuten lang.

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Eröffnungspressekonferenz "ISLE OF DOGS"

Berlinale Fan-Post

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Na klar, die Eröffnungs-Pressekonferenzen gehören auch dazu. Und platzen aus allen Nähten. Warum? Natürlich nur, weil lauter Qualitätsjournalist/innen wahnsinnig wichtige und tiefgründige Fragen stellen wollen. Und dann vielleicht doch noch ein bisschen, weil Dutzende Berichterstatter aus aller Welt auch mal Promis gucken wollen...

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STORKOW KALIFORNIA von Kolja Malik (Berlinale 2018)

Pandabär flieht vor Mutti

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Das Storkow in Kolja Maliks STORKOW KALIFORNIA bedient alles andere als das erwartbare Bild von Brandenburg. Vielmehr scheint man in diesem Beitrag zur „Perspektive Deutsches Kino“ Hals über Kopf in einem Andy Warhol Film aus den wilden 1970er Jahren gelandet zu sein: Harte Drogen, gieriger Sex, grellbunte Lichter und eine recht vernebelte Sicht auf das Leben finden hier zu einem Roadmovie der besonderen Art zusammen. Ein junger Mann, optisch eine Art Kreuzung aus Kurt Cobain und Pandabär (Augenringe), verbringt seine berauschten Nächte in trostlosen Raststätten-Kneipen bei Storkow, wünscht sich aber verständlicherweise nach Kalifornien. Im Schlepptau hat er eine verlebte ältere Frau, in der man zunächst seine Geliebte vermutet. Aber es ist seine Mutti.

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DAS ALTE GESETZ von Ewald André Dupont (Berlinale 2018)

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Eine echte Preziose zeigt die Berlinale in ihrer Reihe Berlinale Classics mit dem 1923 entstandenen Stummfilm DAS ALTE GESETZ von Ewald André Dupont. In dieser Emanzipationsgeschichte verlässt der Sohn eines Rabbiners sein galizisches Schtetl und damit auch die kulturelle und religiöse Heimat, um sich seinen Lebenstraum zu erfüllen: Er will Schauspieler in Wien werden. Die Geschichte ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt und muss vor dem Hintergrund der Migrationsbewegung vieler Ostjuden nach Westen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gesehen werden – und dem damit verbundenen Erstarken des Antisemitismus. Historisch prallten damals zwei Welten aufeinander – Tradition und Moderne. Und genau diesen cultural clash verhandelt auch Duponts Film, wenngleich vor einer weiter zurückliegenden historischen Folie.

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Die Taschen sind da – Bearology part two

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Die Taschen, die Taschen! Seien wir ehrlich: Es ist jedes Jahr eine große Aufregung darum, nur geringfügig weniger hysterisch als die heißen Diskussionen um das Wettbewerbsprogramm. Hier werden die wirklich großen Fragen gestellt: Welche Mode-Farbe haben die Festivaltaschen in diesem Jahr? Sind es überhaupt Taschen oder leider wieder nur Beutel? Passen alle Programmhefte plus Festivalverpflegung inklusive 2-Literflasche Cola und mein Laptop rein? Und: Sie werden doch wohl nicht wieder so stinken wie diese rosaweißen Ungeheuer aus dem Jahr wannwardasnochmal?

In diesem Jahr kann man sich über die Taschen wirklich freuen. In eleganter Linie streckt darauf der Berlinale Bär seine Tatzen aus, ansonsten sind sie im Design angenehm zurückhaltend. Modebewusste Cineasten oder solche mit Rückenproblemen tragen das Teil als Rucksack, die anderen können gerne auf die Henkel-Variante zurückgreifen. Das Beste: Wir haben die Wahl – Knallrot oder Elegant-Grau sind im Angebot. Viel Spaß damit!

15.02.18 20:00

ISLE OF DOGS von Wes Anderson (Berlinale 2018)

Warum der Hund das Stöckchen holt

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Der Hund ist des Menschen bester Freund. Doch was passiert, wenn der Mensch des Hundes ärgster Feind wird? In Wes Andersons Berlinale-Eröffnungsfilm ISLE OF DOGS wird dieses Gedankenspiel zur schwarzhumorigen Gesellschaftsparabel. Kurzfassung: Ein kleiner Junge will seinen Hund aus der Verbannung retten und zettelt damit eine Revolte an. Bereits zum zweiten Mal seit FANTASTIC MR. FOX lässt Anderson dabei die Puppen tanzen. Mit der äußerst aufwändigen, aber in ihrem Effekt unglaublich bezaubernden Stop-Motion-Technik erweckt er hier erneut eine liebevoll inszenierte, detailreiche Welt zum Leben. Der Grundton des Films ist verspielt, aber er ist durchzogen von düsteren Anklängen an Totalitarismus, Faschismus und Genozid. Dabei wartet Anderson, wie zu erwarten war, mit seinen Markenzeichen auf: Fantastische Regie-Einfälle, wunderbar intelligente Dialoge, skurrile Figuren und Situationen und das sichere Gespür für schräge Komik.

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RÅ von Sophia Bösch (Berlinale 2018)

Muttermilch und Blut

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Sie hat sich ihr Gewehr selbst ausgesucht. Nun wird Linn, 16 Jahre alt, definitiv kein Girlie und auf angenehme, ruhige Weise sehr selbstbewusst, in den tiefen Wäldern Nordschwedens ihren ersten Elch schießen. Begleitet wird sie dabei von ihrem Vater und seinen Jagdfreunden. Die Regisseurin Sophia Bösch inszeniert den Eintritt des jungen Mädchens in diese eingeschworene Männergemeinschaft als eine Art Initiation – die bald aus dem Ruder läuft.

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22.12.17 14:41

Der Bär ist mal wieder los - Bearology part one

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Im dritten Jahr in Folge tapst ein Bär durch die Berlinale-Plakate. Der Plakat-Bär ist äußerst beliebt (siehe Tiere, siehe coole Hauptstadt), deshalb Motto: Never change a winning bear. Diesmal: in metallicfarbener SciFi-Optik. 2016 debüttierte er als Existenzialisten-Bär. Ganz wunderbar melancholisch und fremd stromerte er durch nachtleere Stadtlandschaften; Wong kar-wei ließ auch schön grüßen.

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2017 wurde er dann schon dreister, erlaubte sich als kesser Problem-Bär den einen oder anderen augenzwinkernden Scherz, schmiegte sich etwa eindeutig zweideutig an eine U-Bahnsäule und fuhr Paternoster.

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Nun ist er endgültig zum Star geworden. Glänzend, spacig, abgehoben, turnt er auf der Weltzeituhr und macht den Rössern vom Quadriga-Gespann die Ansage, dass er den Karren eigentlich auch ganz gut alleine ziehen könnte. Als Star-Bär klappert er denn auch alle erwartbaren Sehenswürdigkeiten von Big B brav ab - da war der an den Unorten der Stadt unterwegs seiende, einsame Alain-Delon-Albert-Camus- und-die-anderen-Jungs-in-der-Band-Bär irgendwie schon cooler.

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Doch 2018 kann auch lustig: Der Star-Bär im Whirlpool sieht aus wie ein Frosch im Kochtopf, der nicht merkt, dass das Wasser langsam zu sieden beginnt und es höchste Zeit wäre, die Bärentatzen unter die Arme zu nehmen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

In diesem Sinne: Bon appétit!

11.12.17 18:08

2. Internationales Weihnachtsfilmfestival in Berlin

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Ho, ho, ho! Zum 2. Mal ist das Weihnachtsfilmfestival zu Gast im Kino Moviemento in Berlin. Zu sehen gibt's vom 22. bis 24.12. Filme aus über 20 Ländern: vom norwegischen Weihnachtshorror O HELLIGE JUL über den Dokumentarfilm I AM SANTA CLAUS bis hin zu Weltpremiere MERCY CHRISTMAS (blutig aber lustig). Außerdem FROSTY SHORTS und mehr. Zum kompletten Programm des Weihnachtsfilmfestivals.

04.12.17 11:30

Wes Anderson eröffnet Berlinale 2018

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Wes Anderson eröffnet mit ISLE OF DOGS den Wettbewerb der Berlinale 2018. Damit ist Anderson zum vierten Mal im Berlinale-Wettbewerb dabei. 2014 war sein GRAND BUDAPEST HOTEL ebenfalls Eröffnungsfilm. Dieser Beitrag gewann den Silbernen Bären für den Großen Preis der Jury. ISLE OF DOGS ist Andersons zweiter Stop-Motion-Animations-Film nach FANTASTIC MR. FOX. Die 68. Berlinale beginnt am 15. Februar 2018.

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